Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Helene Freifrau von Heldburg, Jena, 6. November 1899

Zoologisches Institut

der Universität Jena.

Jena, den 6.11.1899.

Hochverehrte Gnädige Frau!

Beifolgend beehre ich mich, Ihnen das dritte Heft meiner „Kunstformen der Natur“ zu übersenden. In den folgenden Heften sollen auch höhere Gestalten des Thier- und Pflanzen-Reiches Aufnahme finden.

Inzwischen werden Sie auch meine „Welträthsel“ erhalten haben, welche ich Herrn Strauss beauftragt hatte, Ihnen direct zu senden. Der Erfolg dieses Buches übertrifft bedeutend meine Erwartungen; die erste Auflage (von 3000 Exemplaren) ist innerhalb Monatsfrist abgesetzt worden. ||

Im Stillen fürchte ich, daß die Aufrichtigkeit (– oder „rücksichtslose Schärfe“, wie Andere sagen –) mit der ich verschiedenen Formen des alten Aberglaubens zu Leibe gegangen bin, Ihr Mißfallen erregt haben könnte. Unser verehrter Freund, Herr Geh. Staatsrath Eggeling, hat mir als Curator der Alma mater Jenensis dasselbe nicht verhehlt. Indessen hoffe ich anderseits, daß Ihr Durchlauchtigster Herr Gemahl, als Fürst des Reformations-Landes und Protector der freien Wahrheitsforschung, etwaige starkea Äußerungen derselben – nach dem Vorbild Martin Luthers – nicht allzu hart beurtheilen wird. Sonst flüchte ich mich auf die Heldburg! ||

Über den ersten Theil meiner zehnwöchentlichen Ferien-Reise habe ich mir erlaubt Seiner Hoheit dem Herrn Herzog von Ajaccio aus zu berichten. Während der letzten Zeit meines Aufenthaltes in Corsica besuchte ich noch einige interessante und wilde Gegenden der wenig bevölkertenb Insel, stets vom schönsten September-Wetter begünstigt.

Anfang October fuhr ich von Bastia über Livorno nach Rom und genoß acht herrliche Tage im Sabiner-Gebirge. Auf einem schwierigen Ritte durch einen felsigen Engpaß (zwischen Sabiaco und Rocca S. Stefano) ereilte mich aber das neidische Schicksal; bei einem Sturz meines Maulthieres erlitt ich eine Kniegelenk-Contusion, welche mich zwang, acht Tage in Rom zu liegen. ||

Im Deutschen Hospital zu Rom, welches auf dem Tarpejischen Felsen sehr schön liegt, genoß ich übrigens die beste Pflege, von zwei barmherzigen Schwestern.

Auf der Rückreise war ich noch drei Tage in München, da Professor von Lenbach mein Porträt für seine Gallerie von Zeitgenossen malen wollte; es ist gut gelungen.

Hoffentlich haben Sie und Ihr Durchlauchtigster Herr Gemahl in England einen recht angenehmen Aufenthalt gehabt und erfreuen sich vollkommener Gesundheit. Die wunderbar schönen Spätherbsttage in Ihrem herrlichen Altenstein sind gewiß entzückend.

Mit der Bitte, Seiner Hoheit dem Herrn Herzog mich bestens zu empfehlen, bleibe ich ein in aufrichtigster Verehrung und Dankbarkeit

Ihr ganz ergebener

Ernst Haeckel.

a eingef.: starke; b eingef.: bevölkerten

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
06-11-1899
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 87
ID
39941