Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Helene Freifrau von Heldburg, Jena, 21. Februar 1899

Jena 21. Febr. 1899.

Hochverehrte Gnädige Frau!

Gestatten Sie mir, Ihnen und Ihrem Durchlauchtigsten Herrn Gemahl meinen herzlichsten Dank für ihren freundlichen Glückwunsch zu meinem 65sten Geburtstage auszudrücken. Der Eintritt des 66sten Lebensjahres ist für uns Professoren in Jena eine besonders wichtige Altersstufe; denn damit erlischt die Verpflichtung zur Übernahme des Prorectorats und Decanats – zweier Ehrenämter, an denen ich niemals Geschmack gefunden habe. ||

Weniger erfreulich ist es, daß wir dadurch an die zunehmende Invalidität der Geistesthätigkeit, insbesondere des Gedächtnisses, erinnert werden. Letzteres empfinde ich leider immer öfter, besonders in Bezug auf die Tausende von Namen und Zahlen, mit denen das Gehirn von uns armen systematischen Naturforschern belastet ist.

Im Übrigen wäre es aber undankbar von mir zu klagen, und ich kann mit meiner Gesundheit jetzt eben so zufrieden sein, wie mit den Erfolgen meiner akademischen Lehrtätigkeit, deren 76stes Semester ich jetzt beschließe. ||

Für Ihre freundliche Theilnahme an dem Ergehen meiner Familie danke ich Ihnen noch besonders, auch im Namen meiner Frau, deren Gesundheit sich seit Beginn des Jahres sehr gebessert hat; sie kann jetzt täglich eine Stunde an die Luft gehen.

Von meinen „Kunstformen der Natur“ ist das erste Heft (Tafel 1−10) jetzt endlich fertig gedruckt; ich hoffe es Ihnen in der nächsten Woche übersenden zu können.

Mit der Bitte, mich Seiner Hoheit dem Herrn Herzog ehrerbietigst zu empfehlen, bleibe ich in aufrichtiger Verehrung

Ihr ganz ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
21-02-1899
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 87
ID
39937