Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Helene Freifrau von Heldburg, Jena, 1. Januar 1899

Jena 1. Januar 1899.

Hochverehrte Gnädige Frau!

Für den freundlichen telegraphischen Glückwunsch zum neuen Jahre, durch den Sie uns heute erfreuten, sagen meine Frau und ich Ihnen unseren herzlichsten Dank. Wir erwidern denselben mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß Sie und Ihr Durchlauchtigster Herr Gemahl in dem heute begonnenen Jahre recht viel Gutes und Erfreuliches in frischer Gesundheit erleben, und daß jede ernste Sorge Ihnen fern bleiben möge! ||

Beifolgend erlaube ich mir Ihnen die „Weihnachts-Ausgabe“ des „Kleinen Journals“ zu übersenden, welche die Urtheile von 120 „hervorragenden Zeitgenossen über die hervorragendste That des 19.ten Jahrhunderts“ enthält. Es dürfte sie amüsiren, die weite Divergenz der Ansichten darüber zu vergleichen. Bei statistischer Prüfung finde ich, daß ungefähr 50 Antwortende die Gründung des Deutschen Reiches dafür erklären, und je 12−15 Andere entweder das Substanz-Gesetz – oder die Entwickelungslehre (Darwin) – oder die Social-Reform – oder Dampf und Electricität! Ebenso viele verzichten auf jede Antwort. ||

Die interessantesten Urtheile finden Sie unter B (– Bellermann, Bernhardt, Bleibtreu, Bulthaupt –) – Allen voran der Berliner Geheime Bergrath Prof. Dr. G. Berendt! Leider bin ich zu spät auf diesen tiefsten Denker des 19.ten Jahrhunderts aufmerksam geworden; sonst hätte ich mich seinem Urtheil angeschlossen! Ich würde sonst auch gewiß versucht haben, mich dem November-Kreuzzuge anzuschließen und mich von dem Franciscaner Pater P. überzeugen zu lassen, daß es wirklich „Wunder“ giebt. Den Zeitungen zufolge sind ja dort am Heiligen Graben nicht nur die Schaaren der Deutschen Superintendenten, sondern auch die Denker und Redner höchsten Ranges von der „Handgreiflichkeit der Wunder“ überzeugt worden! ||

Sollte mir die volle Bekehrung zum „wahren Glauben“ (– da die Auswahl so schwer ist!! –) in diesem Jahre nicht gelingen, und der Staatsanwalt meine Disciplinar-Maaßregelung und Absetzung wegen „Glaubenmangels“ durchsetzen, so bleibt mir als letzte Hoffnung die bescheidene Stellung, die Sie mir als Gärtner oder Stubenmaler auf Ihrer herrlichen Heldburg im Nothfalle gütigst zugesichert haben!

Sonst haben wir das Weihnachtsfest mit unseren Kindern ziemlich vergnügt gefeiert, da das Befinden meiner Frau (– deren Herzleiden sich verschlimmert hatte –) wieder besser war. Gestern wurden wir durch die Nachricht erfreut, daß unsere Tochter (Frau Dr. Meyer in Leipzig) ein zweites Töchterchen bekommen hat.

Mit der Bitte mich Seiner Hoheit dem Herrn Herzog ehrerbietigst zu empfehlen, Ihr ganz ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
01-01-1899
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 87
ID
39936