Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Helene Freifrau von Heldburg, Jena, 6. Februar 1896

Jena | 6.2.1896.

Hochverehrte Gnädige Frau!

Beifolgend beehre ich mich, Ihnen und Ihrem Durchlauchtigsten Herrn Gemahl einen kurzen Bericht über das vollendete „Challenger-Werk“ zu senden, für welches Sie sich bei Ihrem hiesigen Besuche freundlichst interessirten. Einen ungenießbarem vorläufigen Bericht über meine neueste Arbeit (die Stammgruppe der Echinodermen) lege ich bloß bei um Ihnen zu zeigen, daß ich immer noch, wenn auch mit abnehmenden Kräften, bestrebt bin, Zeit und Arbeits-Vermögen pflichtgemäß zu verwerthen. ||

Seitdem Sie die große Güte hatten, im Juli vorigen Jahres, nach meinem Unfall, mich durch Ihre theilnehmenden Worte und den herrlichen Orchideen-Strauß (– 14 Tage lang meine Augenweide! –) zu erfreuen, habe ich ein recht unerfreuliches Semester verlebt. Die Verletzung des gebrochenen Fußgelenks war so schwer, daß ich 11 Wochen lang (auch den ganzen herrlichen September) liegen mußte. Endlich im October konnte ich noch auf 4 Wochen nach Baden gehen und durch schwedische Heil-Gymnastik (vortrefflich!) und Bäder das Gelenk leidlich wiederherstellen. Jetzt kann ich schon eine Stunde wieder gehen. || In Baden holte sich leider meine Frau eine schwere Influenza, mit deren Folgen Sie den ganzen Winter zu kämpfen hatte; sie ist seitdem nicht wieder aus der Stube gekommen. Doch hoffen wir im April einige Wochen an der Riviera zubringen zu können. Man wird mit dem elenden Körper-Gerüst als Culturmensch nie fertig!

Herr Staatsanwalt Lommer überbrachte mir kürzlich die freundlichen Grüße, welche der Herr Herzog und Sie die Güte gehabt hatten ihm aufzutragen. Ich ersehe dadurch zu meiner Freude, daß Sie Beide wieder ganz hergestellt und frohen Muthes sind. ||

Zugleich wurde mir dadurch die freudige Aussicht erneuert, daß Sie im kommenden Sommer uns hier mit Ihrem hohen Besuche beehren werden. Ich hoffe dann Seiner Hoheit dem Herrn Herzog einen der landschaftlich schönsten Punkte seines Gebietes, die „Ammerbacher Platte“ bei Lichtenhain (meinen Lieblingsplatz) zeigen zu können.

In dieser frohen Hoffnung und mit den verehrungsvollsten Grüßen an Sie und an Ihren Durchlauchtigsten Herrn Gemahl bleibe ich Ihr aufrichtig ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
06-02-1896
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 87
ID
39919