Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Richard Semon, Jena, 27. September 1905

Jena 27.9.1905.

Lieber Semon!

Heute erhielt ich hier Ihre nach Baden gesandte Karte, mit dem Gruß von Ihnen Beiden und Heinrich! Schade, daß ich nicht mit Ihnen am blauen Garda-See sitzen und das Jenaer Quartett completiren konnte. Aber meine Absicht, eventuell noch Ende Septbr. Nach Süd-Tyrol zu kommen, mußte ich aufgeben und meine Kur in Baden abkürzen; sie belam diesmal Nerven und Herzen nicht besonders, vielleicht weil ich die Gymnastik (für 72 J.!) zu stark betrieben und mich erkältet hatte. Seit 18.9. bin ich wieder hier und erhole mich in Ferienstille. || Ich war den ganzen Sommer nicht recht wohl, und von Rheumatismus geplagt, nachdem ich mir bei einer Pfingst-Excursion in den Böhmer Urwald (Eleonorenhain) eine starke Erkältung geholt hatte. Ich merke, daß ich mich mit beschleunigter Geschwindigkeit dem (– ersehnten –) Nirwana nähere!

– Die Muße dieser stillen Wochen habe ich benutzt, um endlich Ihre „Mneme“ gründlich und nachdenklich zu studiren! Bravo! Bravissimo!! –

Ich stimme dem Ihnen bekannten Urteil von A Forel vollkommen bei! || Für eine zweite (hoffentlich bald kommende) Auflage würde ich Ihnen raten, das schwierige Studium zu erleichtern durch übersichtliche Markierung des Stoffes, entweder Columnentitel – oder Absatz-Titel (wie in den Welträthseln) oder Hervorheben der Hauptbegriffe durch gesperrte Schrift.

Wenn auch bei dem geringen Interesse unserer lieben biologischen Fachgenossen für die großen allgemeinen Fragen die Wirkung Ihres gedankenreichen Werkes zunächst langsam eintreten wird, wo wird sie dafür um[so] nachhaltiger in der Zukunft sein – die beste Widerlegung von Weismann, O. Hertwig (leider!) – und vollends der Vitalisten á la Driesch! || Von Jena kann ich Ihnen nicht Viel berichten. Wir leben ganz still und außer aller Gesellschaft, schon der Gesundheit meiner armen Frau wegen, die größter Schonung bedarf, obwohl es jetzt leidlich geht. Die jüngere Professoren-Generation ist uns ganz fremd geworden; die alten sterben allmählich aus.

Zu dem baldigen Abschluß Ihres monumentalen australischen Reisewerks sende ich Ihnen im Voraus meinen Glückwunsch!

– Um Ihren Winter-Aufenthalt am Mittelmeer beneide ich Sie im stillen! Der ganze September hier war abscheulich, naß, kalt und sonnenlos wie im November!

Mit besten Grüßen an Sie und Ihre liebe Frau

Ihr alter E. Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
27-09-1905
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Bayerische Staatsbibliothek München, Abt. für Handschriften und Seltene Drucke
Signatur
Cgm 8032
ID
39871