Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Richard Semon , Jena, 3. Januar 1893.

Jena 3. Jan. 93.

Lieber Freund und College!

Seit Wochen ist ein Brief an Sie unterwegs (d.h. in Gedanken!) Allein Überladung mit dringender Arbeit ließ mich nicht dazu kommen. Die Altenburger Rede vom 9. Oct. und das daraus hervorgegangene „Glaubensbekenntniß“ (Broschüre von 3 Druckbogen: „Der Monismus“) hat mich in einen heißen Kampf mit den Klericalen u. Dunkelmännern, – sowie ihrer Adjudanten à la Hamann – verwickelt, der wohl noch lange anhalten wird. ||

Im Übrigen habe ich das letzte Jahr größtentheils zu neuen „Plankton-Studien“ verwendet, und gehe am 1. Februar auf 2 Monate nach Messina , um lebendes Pl. zu untersuchen. Rückreise im April über Neapel und Rom. Am 1. Mai denke ich wieder hier zu sein u. hoffe Sie dann recht wohl u. voll befriedigt von Ihrem glänzenden Zool. Feldzuge wiederzusehen. Ich möchte Sie bitten, wenn möglich noch mit dem Müller-Netze an verschie denen Stellen im indischen Ocean Plankton zu sammeln, mit Angabe von Datum und Tageszeit für jede Probe. || Ich habe sehr interessa ntes Pl. aus dem Sunda-Meer (mit Massen von Oscillarien) und dem Bengalen-Meer (mit Massen von Amphioxus-Larven! besonders im nördlichen Drittel des Meerb. v. Bengalen). Im Sommer denke ich eine größere Pl. Arbeit – contra Hensen – loszulassen.

– Bei uns ist Alles wohl, ebenso bei unseren hiesigen Freunden. Jetzt scharfer Winter, mit – 15° R.! – Kükenthal arbeitet über wundervolle kleine Balaena Embryonen, die jüngsten 4 – 5 Ctm lang, hundeähnlich! –

Die Zoolog. Prof. in Marburg (nach Greefs‘ Tode) hat jetzt Korschelt erhalten (erfreulich!). ||

– Daß Ihre schönen Sammlungen nur theilweise gut hier ankamen, z. Theil aber arg mitgenommen, ist zwar sehr bedauerlich, hat mich aber – nach meinen eigenen trüben Erfahrungen – nicht überrascht. Es giebt kein Mittel gegen die Dumpfheit u. Rohheit der Menschen, auch nicht beim Verladen auf Schiffe etc. !! –

Am 20. Oct. war ich in Berlin u. traf Ihre liebe Mutter sehr wohl an.

Von meiner Pl. Reise nach Schottland (wo ich im Aug. u. Sept. mit Murray bei den Hebriden Pl. fischte), habe ich Ihnen wohl schon geschrieben? – In Calcutta besuchen Sie die Asiatic-Society of Bengal, in Bombay die Anthropol. Soc. Von Beiden bin ich Honor. Member.

Mit herzlichsten Grüßen u. besten Wünschen Ihr treuer E. Haeckel.a

a Schlussformel am linken Seitenrand: Mit den herzlichsten … E. Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-01-1893
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Bayerische Staatsbibliothek München, Abt. für Handschriften und Seltene Drucke
Signatur
Cgm 8032
ID
39861