Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Agnes Haeckel und die Familie, Triest, 18. April 1882

Triest Dienstag 18. April 82

Ihr theuren Lieben in Jena und Potsdam!

Heute Morgen 4 Uhr bin ich glücklich hier wieder auf europäischem Boden angelangt, nachdem ich ihn vor 6 Monaten und 3 Tagen (am 15. October) verlassen hatte! Wie glücklich und froh bin ich, diese große Reise, die größte meines Lebens, nun glücklich hinter mir zu haben, und wie sehr freue ich mich auf die Heimkehr! Diese Zeilen sind nun mein letzter schriftlicher Gruß von dieser Reise; bald statt dessen mündlicher Verkehr, wie herrlich! ||

Der letzte Abschnitt der Reise war übrigens noch sehr bewegt. Wegen stürmischen Wetters fuhr unser Dampfer a („Castore“) erst Mittwoch (12. April) Morgens 6 Uhr von Alexandria ab. Die 3 ersten Tage hatten wir beständig starken Gegenwind (Nordwest-Maestrale) so daß wir statt 10 Seemeilen nur 3 – 4 in der Stunde zurückgelegten. Alles an Bord, was nicht „alter Seemann“ war, wurde tüchtig seekrank; ich lag 3 Tage, ohne einen Bissen zu Essen, halbtodt in der Cabine; im Salon rollte Alles durch einander; eine Menge Stühle, Tische, Schüsseln und andres Geschirr wurde zertrümmert. ||

Erst am Samstag ließ der Sturm nach, und am Sonntag (16.) früh 6 Uhr (also 36 Stunden später als normal) ankerten wir vor Corfu. Wir hatten alle Kohlen verbraucht und mußten neue einnehmen; ich brauchte diese 4 Stunden, um Consul Fels und Familie zu besuchen, die sich sehr freuten, mich nach 5 Jahren wieder zu sehen. Um 10 Uhr fuhren wir weiter in die Adria hinein und hatten nun zur Abwechslung Südwest-Sturm (Sirocco). Wir jagten mit vollen Segeln, so daß wir nun 12 – 14 Meilen in der Stunde machten und sehr rasch vorwärts kamen. Gestern, Montag, der letzte Tag der Seereise, war sehr schönes Wetter; die See am Nachmittag spiegelglatt, und dann herrlichster Sonnen-Untergang. ||

Ich ging gleich heute morgen zu Krausenecks, die herzlich grüßen lassen. Leider sind mehrere, hierher gesandten Briefe nach Egypten nachgeschickt. Hier fand ich daher keine vor. Die Briefe und Postkarten in Suez habe ich alle richtig erhalten.

Ich denke nun morgen nach Gratz zu fahren, dort bei Königsbrunn einen Tag zu bleiben, und am Sonnabend Nachmittag (5 Uhr) in Jena zu sein. Hoffentlich treffe ich meine Lieben alle wohl!

Also auf frohes, glückliches Wiedersehen,

Euer treuer Ernst

a gestr.: erst

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
18-04-1882
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 39127
ID
39127