Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Agnes Haeckel und Familie, Belligemma, 7. Januar 1882

Belligemma 7/1 82.

Ihr theuren Lieben in Jena und Potsdam

Die Hälfte des halben Trennungs-Jahrs ist heute glücklich abgelaufen und ich denke von Morgen an schon recht ordentlich an die Heimreise. Mein Lloyd-Dampfer wird am 8. März von Colombo abfahren und cc am 8. April in Triest sein. Ich werde aber wahrscheinlich mit demselben nur bis Suez fahren und noch 14 Tage in Egypten bleiben; hauptsächlich um nicht allzu sehr vona dem schroffen Klimawechsel zu leiden und im schlechtesten April-Wetter die Heimath wieder zu sehen. Ich fürchte mich ohnehin sehr vor dem kühlen Mai. Hier bin ich so verwöhnt, daß ich die beständige Temperatur von 20-22° R. recht angenehm finde.

In Suez denke ich außerdem eine Woche die Fauna des rothen Meers zu studiren, auf die ich 1873 ja nur einen sehr flüchtigen Blick werfen konnte. Wahrscheinlich bin ich am 20. April cc in Jena. ||

Das reizende Belligamma, indem ich nun schon 4 Wochen arbeite, habe ich so lieb gewonnen, daß ich es nur ungern verlasse. Ich bin aber in dieser Zeit so fleißig gewesen, daß ich die beabsichtigten zoologischen Untersuchungen bereits beendigt und auch eine recht schöne Sammlung zu Stande gebracht habe; leider ist mir nur ein großer Theil der trocknen Präparate (trotz aller Vorsicht!) durch die Ameisen und noch mehr durch die Termiten zerstört worden, die alle Örtlichkeiten in Milliarden bevölkern, so daß Nichts vor ihnen sicher ist! Überhaupt hat das Arbeiten und Sammeln hier seine großen Schwierigkeiten; viele hübsche Sachen verderben in ein paar Stunden, ehe ich sie untersuchen und conserviren kann. Alle eisernen und stählernen Sachen rosten, selbst wenn man sie täglich putzt; alle Ledersachen verschimmeln, alles Papier vermodert; es ist unglaublich, was Hitze und Feuchtigkeit vereinigt hier leisten. ||

Mit Ausnahme eines zweimaligen Besuchs von Mr. Scott aus Galle habe ich in den 4 Wochen eines hiesigen Aufenthalts keine weiße Haut gesehen. Ich bin aber mit meinen braunen indischen Freunden sehr gut ausgekommen. Die beiden Häuptlinge von Belligam, der erste (Mudalyar) und der zweite (Aretschi) sind höchstgefällig und wetteifern in allen guten Diensten. Cocos-Nüsse und Bananen bekomme ich täglich mehr geschenkt als ich verzehren kann, obgleich ich von beiden 3-4 Stück täglich genieße. Der alte Wirth des Resthauses trägt mich auf Händen, und an seinen „Curry and Rice“ habe ich mich gewöhnt. Sonst lebe ich hauptsächlich von Fischen und Hühnern; andres Fleisch fehlt gänzlich; ausgenommen wenn ich Affen geschossen habe – bis jetzt nur 3 Stück! Den Affenbraten finde ich ganz vorzüglich, ich praeparire ihn selbst in der Küche, theils frisch, theils in Essig gelegt. Außerdem habe ich mir mehrmals Schnepfen und wilde Tauben geschossen. ||

Ich werde wahrscheinlich am 14-16. Januar (also in 6-8 Tagen) von hier aufbrechen und einer Einladung des Praefecten von Matura (am Südcap der Insel) folgen. Dann denke ich noch eine Woche in Galle bei Mr. Scott zu bleiben und Korallen zu sammeln. Den Februar werde ich größtentheils zur Gebirgsreise benutzen, auf die ich mich sehr freue. Nach Allem, was ich gehört habe, ist sie sehr interessant und ganz gefahrlos.

Von den gefürchteten gefahren Ceylon’s habe ich bisher überhaupt wenig gelitten. Nur die Blutegel haben mich tüchtig gebissen. In Peradenia kroch eine Brillenschlange (Cobra) in mein Zimmer, wurde aber sogleich glücklich erlegt. Sonst habe ich wenig Schlangen gesehen. Das Klima bekommt mir bei meiner thätigen und mäßigen Lebensweise sehr gut. Die landschaftlichen Genüsse sind über alle Beschreibung herrlich. Ich bin schon mitten im Zweiten Skizzenbuch; Öl habe ich wenig gemalt; es kostet für Skizzen zu viel Zeit.

[Briefschluss fehlt]

a eingef. mit Einfügungszeichen: von

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
07-01-1882
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 39116
ID
39116