Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Agnes Haeckel, Belligamma, 30. Dezember 1881

Belligamme 30/12 81

Ihr theuren Lieben!

Dies ist der letzte Brief aus dem bewegten Jahre 1881, den ich an Euch richte. Den nächsten erhaltet Ihr schon vom neuen Jahre 1882, dem schönen Jahre der Rückkehr in die liebe Heimath, von dem ich mir im Voraus das Allerbeste sicher verspreche.

Wie herrlich wird es sein, wenn ich erst wieder glücklich bei Euch bin und Euch von den allen den 1000 herrlichen Naturwundern erzähle, die ich hier in Indien genieße! Ein großes Skizzenbuch ist schon ganz voll! ein andres halb; und die Sammlungen haben im letzten halben Monat einen sehr ansehnlichen Umfang erreicht, darunter prächtige Sachen!! ||

Im Ganzen geht es hier in Belligamme, wo ich schon 3 Wochen bin, mir ausgezeichnet gut. Das Klima bekömmt mir, bei der sehr thätigen Lebensweise und der sehr mäßigen Ernährung vortrefflich. Ich sitze täglich kaum ein paar Stunden und bin fast immer auf den Beinen, mit Fischen, Jagen, Sammeln etc beschäftigt. Die Leute hier sind sehr gefällig und einige davon mir sehr nützlich. Die Lage des Hafens ist wunderschön, die Vegetation über alle Beschreibung prachtvoll! Ich bedaure nur immer, daß der Tag so kurz ist und so rasch zu Ende geht. ||

Die schöne Weihnachtszeit war natürlich sehr einsam und ich habe doppelt viel an Euch gedacht. Übrigens hatte ich am Heilig-Abend einen herrlichen Tag. Der zweite Häuptling von Beligamme, Aretochi, dem ich überhaupt sehr viel verdanke und der Etwas Englisch spricht, hatte mich in seine Pflanzung (4 Meilen vom Ort entfernt) eingeladen, in deren Nähe nur Urwald ist! Den prachtvollen Wald mit den riesigen Schlingpflanzen, Baumfarnen, Orchideen etc möchte ich in Jena haben! Ich schoss meinen ersten Affen und der Schuß war so glücklich (mitten in’s Herz!), daß der große schwere Kerl (von 2 Fuß Länge) lautlos vom Baum stürzte. ||

Am Weihnachtssonntag (25/12) malte ich die ersten beiden Ölbilder, die recht gut ausfielen. Gestern hatte ich Besuch von Mr. Scott aus Galle. Heute kam (vor einer Stunde) ein indischer Doctor aus Calturo an, der mir ein paar theure Stunden kosten wird!

Wahrscheinlich werde ich noch den Januar hier bleiben. Brief schickt, wie bisher, nach Colombo (Austrian Lloyd’s Agency).

Ich schließe heute rasch wegen des Besuchs! 1000 Grüße Euch Lieben Allen von Eurem glücklichen tropenreisenden Naturforscher

Ernst Hkl.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
30-12-1881
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 39115
ID
39115