Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Ages Haeckel, Belligamma, 21. Dezember 1881

Belligamma 21/12 81.

Ihr theuren Lieben!

10 Tage bin ich nun schon in dem reizenden Belligam und in meinem zoologischen Laboratorium in voller Arbeit. Die Tage verfliegen mir hier wie Stunden und kaum scheint es mir möglich, daß heute schon der kürzeste Tag ist, um so mehr, als derselbe hier, 5 Grade nur vom Äquator, nicht kürzer ist, als unsere ersten März oder letzten September Tage. Schon um 6¼ Uhr ging die Sonne auf, um 5¾ Uhr unter; und dabei zeigte das Thermometer, wie an allen vorhergehenden Tagen, Mittags im Schatten 24°R, Morgens und Abends 22°R, um Mitternacht 20°. Letztes fand ich schon recht kühl und breitete mir, wie gewöhnlich in der II. Hälfte der Nacht, noch ein zweites Plaid über mein kühles Bett, wo ich auf Cocos-Matten schlafe. ||

Belligamme ist das Paradies von Ceylon! Das Dorf hat 4000 Einwohner und liegt am Gestade einer reizenden, halbkreisförmigen Bay, ganz vergraben in den herrlichsten Waldungen von Cocos, Brodfrucht, Pandanus, Musa und wie die andern herrlichen Tropen Bäume alle heißen! Das Dorf ist ganz singalesisch, nur wenige Leute sprechen Englisch. Als ich am 12. Decbr hier von Galle (– 3 Stunden Omnibus- Fahrt –) anlangte, wurde ich vom Häuptling (– auf Befehl des Gouverneurs –) feierlichst empfangen, mit einer langen halb indischen, halb englischen Rede begrüßt (die ich durch meinen Dolmetscher übersetzen ließ) und dann den Honoratioren (darunter Indiern!) vorgestellt: Doctor, Pfarrer, Zoll Einnehmer, Richter; lauter braune Leute, die aber ziemlich gut Englisch sprachen. ||

Ich wohne im sogen. „Rasthaus“, (– von der Regierung unterhaltene Herberge einfachster Art –). Glücklicherweise gehört das von Belligam zu den besten Rasthäusern. Es sind nur 3 Zimmer darin, das mittlere ist der gemeinsame Speisesaal; das a östliche bewohne ich; das westliche bleibt für durchreisende Fremde reservirt.

Der Wirth (Carolis)b ist ein sehr gutmüthiger und gefälliger alter Mann von 72 Jahren; außer ihm ist nur noch ein Faktotum (Babao) da (das Koch, Diener und Haushofmeister zugleich ist), ferner ein reizender Knabe von 8 Jahren (Alice) der die Punka zieht und die niedrigsten Dienste thut, und dann mein „Boy“ (William) früher Officiers-Bursche, den ich in Galle für 2 Monate gemiethet habe und der zugleich Dolmetscher und Leibdiener ist. Diese 4 Wesen haben den ganzen Tag Nichts Anders zu thun, als auf meine Befehle zu warten; sie können oft lange warten! Im Ganzen bin ich gut aufgehoben. ||

Die Honoratioren des Dorfes thun mir Alles Mögliche zu Ehren! Täglich bekomme ich vom Häuptling und vom Richter frische Cocos-Nüsse (mein Hauptgetränk) geschenkt, oder Brodfrucht, Bananen, Ananas, Orangen etc. Die herrlichste Ananas kostet hier 10 – 15 Pfennige! Jede Banane 1 – 2, jede Orange 2 – 3 Pfennige u.s.w. Ich schwelge in Früchten und Fischen! Außerdem nur Curry und Rice!

Gestern vertheilte ich als Ehren- Präsident in der Kirche der Weslӱanischen Mission (Herrenhuter!!) 30 Preise an die praemiirten Schulkinder! Vorgestern war ich Ehren-Gast bei einem großen Buddhisten-Fest! Heute früh mußte ich dem Doctor helfen ein Auge von einem Kinde auszuschneiden. Und dazwischen Mikroskopie, Fischen, Malen etc. Das Beste ist, daß meine Gesundheit vortrefflich ist, mein Muth so frisch als je! Nur die Zeit zu kurz. Das Klima ist herrlich und sehr gesund.

Heute Abend bekam ich eben die letzten Briefe aus Jena und Potsdam.c

a gestr.: südliche; b eingef. mit Einfügungszeichen: (Carolis); c weiter am linken Rand von S. 1: Heute…Potsdam.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
27-12-1881
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 39114
ID
39114