Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Agnes Haeckel und Familie, Bombay, 15. November 1881

Bombay 15/11 81

Ihr theuren Lieben!

Heute sind es 8 Tage, daß ich hier in Bombay gelandet bin und tropische Flora bewundert, Indische Pracht genossen habe; 8 mährchenhaft schöne Tage, die mir wie ein Traum erscheinen. Wie soll ich Euch nur eine schwache Idee geben von all den tausend Wunder Dingen, die ich seitdem gesehen!

Vor Allen entzückt mich natürlich die tropische Vegetation, die unvergleichlichen Palmen-Wälder, Musae, Bambus, Pandanus, Papaya etc Und dann die Thierwelt! Wilde Affen! Papagayen! etc. etc. Aber auch Bombay selbst ist wunderbar großartig und schön, das indische Neapel! Und nun diese Menschenwelt, die hier (größtentheils nackt oder fast nackt) überall umherläuft! ||

Daß ich aber alle diese unvergleichlichen Herrlichkeiten so recht voll und von Herzen genießen kann, verdanke ich vor Allen der überaus liebenswürdigen Gastfreundschaft des Ehepaars Blaschek; er ist ein reicher Kaufmann aus Frankfurt a/M, 13 Jahre hier. Sie ist eine höchst angenehme und nette Frau, voll mütterlicher Sorgfalt für alle meine Bedürfnisse. Ich bewohne in ihrem prächtig gelegenen Bungalow 2 große reizende Zimmer, mit fürstlichen indischen Comfort, Bädern, Punka etc 2 Sclaven sind stets meines Winks gewärtig, die Verpflegung ist in jeder Beziehung glänzend. ||

Die Equipage, die ich täglich benutze, wird von 2 Braminen (in grüner Livrée mit rothen Turbanen) bedient! Die Entfernungen hier sind colossal, daher Fahren sehr nöthig. Ein Dutzend Deutsche habe ich kennen gelernt und ½ Dutzend Engländer; so viel Einladungen, daß ich täglich 2mal ausgehen könnte. Einer der angesehensten und vornehmsten Engländer, ein Advokat Mr. Leith, hat mich aufgesucht; er ist ein schwärmerischer Verehrer und hat alle meine größeren Schriften in seiner Bibliothek. Auch sonst werde ich mit allen möglichen Freundlichkeiten überschüttet, so daß ich schon sehr verwöhnt nach Ceylon komme. Bombay bleibt eine meiner schönsten Erinnerungen für immer! ||

Der Helios hatte eigentlich heute nach Ceylon abgehen sollen, ist aber mit Laden nicht fertig, fährt daher erst morgen. Wahrscheinlich komme ich am 20. oder 21. in Colombo an. Bis jetzt Vertrage ich die Hitze (22 – 26° ohne Unterbrechung!) vortrefflich. Mein Bein ist wieder ganz in Stand.

Am 11. habe ich mit Eisenbahn (5 Stunden Fahrt) – mit Graf Huniady) eine höchst interessante Fahrt in das indische Hochland von Dekan gemacht. (Kandallah, Lanaulee, Carlie Caves etc) ‒ durch Tiger-Djungle!) Am 9 ebenfalls eine sehr interessante Excursion auf der Insel Elephanta. Ich bedaure sehr, nicht länger hier bleiben zu können. Bombay hat alle meine Erwartungen übertroffen!

Beide Briefe – aus Jena und Potsdam) hier erhalten! Den nächsten Brief aus Ceylon!

Euer glücklicher Ernst.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-11-1881
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 39109
ID
39109