Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Agnes Haeckel und Kinder; Karl Haeckel und Kinder und Charlotte Haeckel, Port Said, 22. Oktober 1881

22. Oct 81.

Port Said, Egypten

Ihr theuren Lieben in Jena und Potsdam!

Gestern Abend sind wir glücklich Hier in Port Said, am Nord-Ende des Suez-Canals angelangt und somit habe ich das erste Drittel meiner Seefahrt wohlbehalten zurückgelegt. Die Fahrt durch das Mittelmeer, die von Triest bis Hier fast 8 Tage gedauert hat, war im Ganzen sehr angenehm, das Wetter meistens gut und das Mittelmeer größtentheils ruhig. Unser Schiff, der Helios, ist vortrefflich, das beste, mit welchem ich jemals gefahren bin. Ich erfreue mich einer der besten Cabinen (mit 2 Betten) für mich allein, eine der größten Annehmlichkeiten für eine so lange u. heiße Reise. Die Cabine liegt über Deck, sehr luftig, und ist so bequem und geräumig als ich nur wünschen kann. Der Capitain und die Officiere, namentlich aber der Doctor (Schiffs-Arzt Juranovich) sind äußerst gefällig und liebenswürdig, infolge der besonderen Empfehlung vom Lloyd-Directorium. ||

Samstag 15. Oct. 4 Uhr Nachmittags fuhr unser „Helios“, ein ganz neues und vortreffliches Schiff (das größte des Lloyd) von Triest beim schönsten Wetter ab. Krausenecks, in deren liebenswürdiger Familie ich 3 Tage auf das Angenehmste zugebracht hatte, begleitete mich an Bord, außerdem noch eine Anzahl anderer Triester Freunde, insbesondere mein alter Studien-Freund Dr. Brettauer, und ein Herr Hütteroth, der über 1 Jahr in Ceylon gewesen war und mir noch Vieles Interessantes und Lehrreiches darüber mittheilte. An Bord fand ich Präsident und Director des Lloyd vor, Baron Morpurgo und Capitain Radonetz. Sie stellten mich speciell dem Capitain (Lazzarovich) und den Officiren, sowie dem Doctor vor und empfahlen mich ihrer besonderen Fürsorge. Noch nie bin ich auf einem Schiff so aufmerksam bedient worden. Meine 15 Kisten und 5 Stück kleiners Gepäck waren schon an Bord. ||

Sonntag 16/10 fuhren wir bei gutem Nordwind (Bora) sehr rasch durch die Adria der ganzen Länge nach durch, ziemlich in der Mitte, ohne von beiden Küsten Viel zu sehen. Ich hatte Zeit, mich mit den Schiffs-Officiren und Passagier-Personal bekannt zu machen. Die erste Cajüte ist mit einigen 20 Passagieren besetzt, die zweite mit 4. Darunter befinden sich zur Hälfte Deutsche und Österreicher, zur Hälfte Engländer. Die meisten sind Kaufleute aus Bombay, die nach der Sommerfrische in Europa jetzt zurückkehren. Unter den Andern befindet sich ½ Dutzend Missionäre, theils kathol., Teils evangel. Damen sind nur 4 vorhanden, 3 Engländerinnen und 1 Deutsche. Letztere ist die Frau eines reichen Frankfurter Kaufmanns in Bombay, Blaschek; sie ist seit 7 Jahren immer den Sommer über bei ihren 3 Kindern in Frankfurt, den Winter bei ihrem Mann in Bombay, eine sehr angenehme und gebildete Dame. ||

Montag 17. Oct. ging a b der Dampfer Morgens 8:00 Uhr vor Brindisi vor Anker, um einen englischen General (Bishop) nebst Gefolge und Familie an Bord zu nehmen. Derselbe entschloß sich aber nicht zum Mitfahren, weil sein Gepäck nicht erschien, auf welches wir bis 2 Uhr Nachmittags warteten. – Ich benutzte diese Zeit, um mit dem Doctor von Bord zu gehen und Brindisi nebst Umgebung gründlich zu betrachten. Trotzdem Brindisi ein Weltkartenpunkt ist, bleibt es dennoch ein elendes Nest. Auch landschaftlich bietet die flache Küste (– die übrigens gut bebaut ist) wenig. Doch machten wir eine Skizze von einem hübsch gelegenen alten Kloster.

Dienstag 18. fuhren wir längs der Südwestküste dem ionischen Inseln Cephalonia und Zante vorüber; ich frischte die schönen Erinnerungen von 1877 auf. Nachmittags sahen wir zu unserer Linken die griechische Küste von Epirus, zur Rechten die Insel Stymphania mit ihrem Kloster. Um 7 Uhr Abends passirten wir Navarin.

[Briefschluss fehlt]

a eingef. mit Einführungszeichen: ging; b gestr.: legte

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
22-10-1881
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 39104
ID
39104