Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Agnes Haeckel und Kinder, Karl Haeckel und Kinder, Charlotte Haeckel, Triest, 12. Oktober 1881

Triest 12/10 81

Ihr theuren Lieben in Jena und Potsdam!

Als ich am 8. Oct. von Jena und meinem lieben Daheim auf ½ Jahr Abschied nahm, war mir das Herz recht schwer und im Innersten peinigte mich bittere Reue, die Reise nach Indien unternommen zu haben, die mir seit 30 Jahren als höchster Lebenswunsch des Naturforschers vorschwebte. Aber wieder dicke Nebel, der bei meiner Abreise Berg und Thal von Jena erfüllte, später der schönsten Herbstsonne Platz machte, so ist auch bald die trübe Abschieds-Stimmung durch die vielen a guten und erfreulichen Ergebnisse erheitert worden, welche den Anfang meiner Reise bis heute ununterbrochen begleitet haben. ||

Auf dem Bahnhof in Jena erwartete mich am Samstag, 8. Oct. Morgens, (um 8 Uhr) außer meinem Lithographen Giltsch noch mehrere Freunde. Nachdem ich ihnen nochmals Grüße an Freunde und Kinder aufgetragen, fuhr ich zunächst nach Leipzig, wo ich um 11 Uhr eintraf und einen Aufenthalt von 4 Stunden hatte. Ich besorgte zunächst noch mehrere Geschäfte, bezahlte die Fracht meiner 12, nach Triest vorausgeschickten Kisten und wechselte Geld ein. Dann verbrachte ich noch eine genußreiche Stunde in dem schönen Leipziger Museum, wo ich mich an den herrlichen Landschaftsbildern, besonders von Calame und Guden, auf’s Neue erfreute und erquikte. Um 3 fuhr ich nach Dresden weiter, wo ich eine schöne Abendstunde auf der Brühl’schen Terrasse spazieren ging, aber mehr nach Haus denkend! ||

Auf dem Bahnhof in Dresden traf ich Prof. Hildebrand aus Gratz, dem ältesten Sohn meines verstorbenen Freundes, in dessen Gesellschaft ich um 8½ Uhr mit dem trefflichen Nacht-Schnellzug in 12 Stunden nach Wien fuhr. Hier blieb Hildebrand. 2 Stunden Aufenthalt in Wien benutzte ich am Sonntag (9/10) zu einer Morgen-Promenade durch einige Hauptstraßen und einen Gang in den Stephans-Dom.

Um 11 Uhr beim herrlichsten sonnigen Herbstwetter in Wien in 8 Stunden über den Semmering nach Gratz wo ich Abends 7 Uhr anlangte und im ersten Gasthof – „zum Elephanten! – abstieg, sehr gut logirte – gewiß ein gutes Omen für einen Indien-Fahrer. Über den Semmering, den ich nun wohl schon mehr als 20mal passirt bin, hatte ich auf’s Neue meine Freude, besonders in Erinnerung an den Sommer 1857. ||

Montag 10/10 in Gratz, ein höchst genuß- und lehrreicher Tag. Zunächst zu dem Maler, Baron v. Königsbrunn, der 1853 ein Jahr in Ceylon war. Ein äußerst liebenswürdiger und bescheidener Mann, dessen zahlreiche Skizzen und Bilder über Ceylon meine höchsten Erwartungen übertrafen und Kunstwerke ersten Rangs sind. Durch eine Reihe von Mißgeschicken wurde die Publication verhindert; er ist glücklich wenn ich sie bei Herausgabe meines Reisewerks mit verwerthen will. Auch in Corfu war K. und hatte sich in Folge meines Corfu-Aufsatzes brieflich an mich gewendet, als er von meiner Ceylon-Reise erfuhr. –

Mittag sehr angenehm mit einem alten Freunde v. Carneri und dem Präsidenten Rechbauer. Dann mehrere Besuche. Abend bei meinem lieben Spezial Collegen Franz Eilhard Schultze (aus Rostock) zusammen mit Heinrich Schwarz (aus Merseburg) und dessen Familie, sehr nett. ||

II.

Dienstag Morgen mit Carneri nochmals mehrere Stunden bei Königsbrunn auch mehrere größere Bilder desselben bei verschiedenen Familien in der Stadt gesehen. Dann noch bei Dr. v. Koepl, dem Schwager von H. Krauseneck (in Triest), ein sehr gebildeter und lieber Mann (früherer Leibarzt König Leopold von Belgien). Köpl und Carneri begleiteten mich auf den Bahnhof.

Mittag 1 Uhr von Gratz (in 9 Stunden) mit Courierzug nach Triest gefahren, in höchst interessanter Gesellschaft, für mich wie bestellt: Surgeon-General Dr. Macbeth (aus Scotland) der als General-Arzt der indischen Armee 33 Jahre in allen Theilen Indiens war und mir sehr wichtige und interessante Mittheilungen machte, mich auch bat, wenn ich in Ceylon irgend etwas aus Londonb brauche sich an ihn zu wenden. Er kam mit Frau aus Bad Gleichenberg. ||

In Triest empfing mich Abends auf dem Bahnhof der liebe alte Freund Krauseneck mit beiden Söhnen. Er hatte mir schon nach Gratz telegraphirt, daß ich bei ihm wohnen müsse. Die ganze Familie hat mich auf’s Liebenswürdigste aufgenommen, ebenso Capitain Radonetz der Director des Oesterr. Lloyd.

Ich war heute morgen mit Ihnen auf dem „Helios“, dem herrlichen Schiffe, das mich nach Ceylon trägt. Ich bekomme Cabine Nr. 1 für mich allein, höchst angenehm.

Voraussichtlich bin ich wieder verwunschener Prinz!

Samstag Nachmittag 4 Uhr fahre ich abc d , – den ersten Reisebrief für die „Deutsche Rundschau“ schicke ich wahrscheinlich von Egypten.

e Übermorgen Näheres!

Euer Ernst.

a gestr.: und; b eingef. mit Einfügungszeichen: aus London; c eingef. mit Einfügungszeichen: fuhr ich ab; d gestr.: fährt; e gestr.: Für

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
12-10-1881
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 39103
ID
39103