Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Bozen, 5. September 1868

Bozen. Samstag 5 Sept. | 68.

Liebe Eltern!

Heute Morgen, gleich nach meiner Ankunft in Meran, erhielt ich hier euren lieben Brief, der mich sehr erfreut hat. Aus beifolgenden Tagebuchblättern werdet ihr ersehen, daß meine Reise bis jetzt sehr lohnend und glücklich abgelaufen ist. Seit letztem Sonntag (wo wir in Brixlegg bei häßlichem kalten Regenwetter den ganzen Tag in einem großen Tyroler Volkstheater saßen, um das berühmte „Passionsspiel“ anzusehen) ist das Wetter wunderschön, nur etwas zu heiß! Aber denkt Euch, während wir den ganzen Juni und Juli die furchtbare Hitze hatten, ohne allen Regen, hat es hier fast ununterbrochen geregnet, so daß die Traubenernte von Botzen und Meran großentheils durch Fäulniß verdorben ist! Ebenso hat es in ganz Südtyrol und Oberitalien während der heißen Sommermonate fast ununterbrochen und in selbem Maaße geregnet. Daher ist auch die Vegetation prachtvoll frisch und alles so grün wie im Frühling. So verschieden ist es diesseits und jenseits der Alpenkette, dieser großen Wetterscheide! ||

Eine traurige Überraschung hatte ich hier in Botzen. Ich hatte mich sehr gefreut, einen meiner liebsten Würzburger Studiengenossen hier wieder zu finden, Dr. Roman von Call, mit welchem ich sehr eifrig in Würzburg bei Virchow pathologische Anatomie getrieben hatte. Er ist in der Nähe von Bozen, in S. Pauls in Eppan, zu Hause, und ich hatte gehört, daß er auch hier ansässig sei. Als ich nun hier ankam, hörte ich zu meiner großen Betrübniß, daß er schon vor 7 Jahren (im August 61) in Wien an Schwindsucht gestorben sei! Der arme Freund! Er war ein sehr tüchtiger und braver liebenswürdiger Mensch! –

Morgen (6 Sept) gehen wir von hier nach Trient, übermorgen nach Riva am Gardasee, in dessen Umgebung wir 3–4 Tage (etwa bis 11 Sept.) bleiben werden. Am 12 und 13. werden wir in Verona, am 15. am Comer See sein. Dort trennen wir uns. Ich gehe über den Splügen nach Chur, wo ich am 18. Sept. sein werde. Von dort gehe ich direct über Basel und Karlsruhe zurück, so daß ich spätestens am 22. Sept. in Jena sein werde. Nach Post. rest. Briefen werde ich in Riva, Verona, Splügen, Chur und Carlsruhe fragen. Herzlichsten Gruß.

Euer treuer Ernst.a

a Briefschluss auf dem linken Seitenrand: und Karlsruhe … treuer Ernst.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
05-09-1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 39080
ID
39080