Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Riva, 23. September 1877

Riva am Garda-See

Sonntag 23. Sept 77

Liebste Mutter!

Meinen vorgestern aus Trient abgesandten Brief nebst meiner Münchener Rede hast Du hoffentlich richtig erhalten. Wir fuhren vorgestern Mittag 12 Uhr aus Trient fort, in 4 Stunden hierher. Seit gestern früh regnet es unaufhörlich und sieht Alles so grau aus, als ob es noch 8 Tage so fort regnen wollte. Wir sind damit sehr zufrieden, da wir Beide von dem Münchener Aufenthalt sehr angegriffen und der längeren Ruhe sehr bedürftig sind. Bei der Spazierfahrt durch den englischen Garten in München, die wir am Dienstag (18/9) mit unserem Freunde Murray machten || hatten wir uns Beide etwas erkältet, da das warme sonnige Wetter plötzlich in einen eisigen und heftigen Nordost Wind umschlug. Schon am folgenden Tage fühlten wir uns unwohl, weßhalb ich meine Abreise beschleunigte. Auf der kalten Fahrt über den Brenner, die landschaftlich sonst sehr schön war (– oben lag viel frischer Schnee –) fühlten wir uns ziemlich fieberhaft. Daher haben wir uns in Trient durch eine ordentliche Dosis Glaubersalz ausgekehrt, und fühlen uns seit gestern wieder gut; nur noch sehr caput, weßhalb wir ruhig noch ein paar Tage in der Stille hier am Gardasee bleiben wollen. ||

Mehr als die Erkältung in München hat uns wohl der entsetzliche Trubel bei der Naturforscher-Versammlung angegriffen, wo ich täglich mehr als hundert verschiedene Leute sprechen mußte. Es war ganz grauenhaft. Übrigens war ich schon im Voraus auf Alles dies gefaßt und bin sehr froh, daß es vorüber ist.

Ich habe den Besuch der 50sten Naturf. Versammlung und meine Festrede dabei von Anfang an als ein schweres Opfer aufgefaßt, welches ich bei meiner Stellung, die ich nun einmal als der deutsche Führer der Entwickelungs-Schule habe, der Wissenschaft bringen mußte. Übrigens war die Aufnahme doch viel besser als ich hoffen konnte. ||

Der Garda-See und das reizende Riva erquikt uns sehr. Ich bin hier seit 22 Jahren nicht gewesen, seit 1855 (meiner ersten Alpenreise!) Mittwoch oder Donnerstag reisen wir über Verona und Mailand nach Genua, wo ich Briefe von Euch (poste restante) zu finden hoffe. Von dort aus Näheres!

Hoffentlichst fühlst Du Dich in Deiner neuen Wohnung recht behaglich, liebste Mutter. Schreibe mir die Adresse! An Carl und die Kinder, sowie an Tante Bertha, herzlichste Grüße. Agnes grüßt bestens.

Wie immer, Dein treuer

Ernst.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
23-09-1877
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 39073
ID
39073