Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Goisern, 12. September 1874

Goisern 12 Sept 74

Sonnabend

Liebste Mutter!

Gestern Abend sind wir wohlbehalten und munter hier angelangt wo ich Deinen lieben Brief fand, der mich wegen Deines Befindens sehr beruhigt hat. Hoffentlich schreitet Deine Besserung nun beständig fort. Außerdem fand ich noch Briefe aus Jena, wo Alles gut geht, ebenso aus Heidelberg von Gegenbaur mit guten Nachrichten; endlich von Quinke aus Berlin; dieser theilt mir mit, daß mein früherer Lehrer Leydig die Stelle in Bonn angenommen hat, was mich sehr erfreut hat; ich mache mir nun über Bonn keine weitere Unruhe und bin zufrieden, in Jena geblieben zu sein. Wir haben, seit ich Dir aus Salzburg schrieb, 8 sehr schöne Reisetage gehabt. ||

Montag 7/Sept waren wir früh noch in Salzburg und verbrachten den ganzen Vormittag mit Besichtigung der sehr interessanten Museums. Mittags fuhren wir per Post-Omnibus von Salzburg über Hof nach St. Gilgen, am westlichen Ufer des Wolfgang Sees; beim schönsten Herbstwetter. Angenehme Reisegesellschaft eines jungen Americaners, Boalt, der um die ganze Welt gereist war. ‒‒

Dienstag 8 Sept. Besteigung des Schafbergs, des sogenannten „deutschen Rigi“, Glanzpunkt unserer diesmaligen Alpenreise. Ich hatte ihn schon vor 17 Jahren (1857) bestiegen, aber wegen Nebel damals nicht viel gesehen. Diesmal war das herrlichste Wetter mit entzückender Aussicht vom Gipfel des 5600 Fuß hohen Bergs. || Agnes ritt sehr vergnügt auf einem hübschen weißen Maulthier hinauf; ich marschirte daneben. Um 6 Uhr morgens brachen wir von St Gilgen auf und waren um 9½ Uhr oben auf dem Gipfel. Der Nachmittag war wundervoll, mit immer wechselnder Beleuchtung da große Wolkenheere von den Hochalpen gegen das Flachland zogen. Der Sonnen Untergang war prachtvoll mit glänzender roth-violetter Beleuchtung der der Alpen und herrlichen blauen Schatten. Am Fuße des Schafbergs übersieht man die sämmtlichen Seen des Salzkammerguts; unter den Hochalpen besonders der Thorstein und Amkogel, sowie die ewige Schnee Alp vortretend, bei Salzburg der Untersberg Die Nacht oben im Hôtel auf dem Gipfel des Schafbergs war zwar sehr theuer (10 fl!), aber sehr amüsant, besonders für Agnes, die noch in keinem mit Fremden überfüllten Alpen-Hôtel übernachtet hatte. ||

Mittwoch 9 Sept. genossen wir morgens auf dem Schafberg-Gipfel den schönsten Sonnen- Aufgang. Alle Hochalpen waren vollkommen klar und wolkenfrei, wie man es nur wünschen kann. Um 7 Uhr begannen wir hinabzusteigen, waren aber erst um 11 Uhr unten, da der Weg sehr steil ist und Agnes zu Fuß hinabsteigen mußte. Es ist das erste Mal, daß ich zum Absteigen von einem Berg mehr Zeit brauchte, als zum Hinaufsteigen. Der Mittag wurde sehr heiß. Um so erquickender war ein eiskaltes Bad, welches ich im Wolfgang-See nahm. Den Nachmittag verbrachten wir auf einem Hügel nahe bei St Gilgen; ich machte bei schönster Beleuchtung ein Aquarell vom See und Umgebung im Hintergrunde die Kalkalpen des Lofer. ||

Donnerstag 10. Sept. früh fuhren wir von St. Gilgen per Dampfboot über den Wolfgang-See nach Strobel, von da per Omnibus nach Ischl, dem großartigen Wiener Modebad, einem colossalen Affen-Garten, dessen Insassen uns sehr amüsirten; darunter auch der Kronprinz Rudolf von Oesterreich. Nachmittags machten wir kleine Spaziergänge nach verschiedenen Richtungen um Ischl herum.

Freitag 11. Sept. Vormittags noch in Ischl, auf den Promenaden etc. Mittags per Omnibus von Ischl nach Goisern gefahren, wo ich bei meinem Verehrer Conrad Deubler die herzlichste Aufnahme fand. Wir wohnen reizend, hoch oben in seinem am Berg gelegenen Bauernhaus, mit weiter Aussicht über das Traunthal. ||

Sonnabend 12 Sept wieder ein herrlicher Herbsttag. Wir fuhren in einem Einspänner (in Begleitung unseres originellen Freundes C. Deubler) morgens durch das Traunthal nach der Gosaumühle, von dort per Dampfboot nach Hallstatt. Dort wanderten wir durch die wilde Schlucht des Waldbach Strub nach dem 1 St. entfernten Wasserfall desselben und dem Schleierfall. Mittags aßen wir in Hallstatt am See (auf dem schönen Balkon des Seeauer-Hôtel) in Gesellschaft von Prof. Simony aus Wien, des berühmten Dachstein-Forschers. Nachmittags bei herrlicher Beleuchtung über den See zurück und wieder per Einspänner zu unserm Wirthe. Hier haust gegenwärtig Frau und Sohn des Prof. Simony, während er in Hallstatt Seemessungen macht. || Ferner wohnt hier seit 2 Monaten Prof. Grün aus Wien nebst Frau, der mit der Herausgabe von Feuerbachs Nachlaß beschäftigt ist. Unser Wirth Deubler ist ein höchst originelles Haus, sehr gescheut, ganz autodidakt; mit einer Masse Kenntnissen. Übermorgen denken wir von hier nach Reichenhall und Berchtesgaden zu gehen. Am 24. bringe ich Agnes nach München zurück, von wo sie allein nach Jena reist. Ich denke dann noch 8–10 Tage mit Gegenbaur zusammenzusein, wahrscheinlich in Ober-Baiern. Bitte schreibe mir nach Reichenhall in Ober-Baiern, poste restante. Hoffentlich höre ich recht Gutes von Dir liebste Mutter. An Carl, Clara und die Kinder herzlichste Grüße. Auch Agnes grüßt bestens.

Dein treuer Ernst

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
12-09-1874
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 39034
ID
39034