Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Jena, 15. September 1879

Jena 15. Sept. 79

Liebste Mutter!

Gestern Abend bin ich glücklich und wohlbehalten nach Hause zurückgekehrt, nach gerade 6 wöchentlicher Abwesenheit. Ich verließ London vorigen Montag Morgen 8. Sept., Morgens 7 Uhr, fuhr in 2 St. (über die wunderbare großartige Kreuz-Station „New Cross“) nach Brighton, an der Südküste Englands, um das dortige Aquarium zu besichtigen, das größte das in Europa existirt. Abends 5 Uhr in 2 St. zurück nach London, nach Liverpool-Street-Station und um 8 U. von derselben Station weiter mit Eisenbahn nach Harwich, an der Ostküste, von dort um 10 U. mit Dampfer nach Rotterdam, wo wir Dienstag Vormittag 11 U. (statt 8 Uhr) anlangten. ||

a Dienstag 9 Sept. Mittag fuhr ich von Rotterdam nach Haag. Ich suchte als bald unseren lieben Vetter Lodevyk Mulder auf, der mit seiner Gonne so eben erst (– vor fünf Minuten! –) von einer 10- wöchentlichen Reise nach Norwegen zurück gekehrt war. Er bestand darauf, daß ich ein paar Tage bei ihnen blieb. Beide waren höchst liebenswürdig, so daß diese beiden Tage den angenehmsten Abschluß meiner Reise bildeten. Dienstag brachte ich noch ein paar Stunden in den berühmten Gemälde-Gallerien vom Haag (im Königlichenb Museum) zu, wo die niederländische Malerei durch vorzügliche Kunstwerke vertreten ist, wenn sie auch nicht der Amsterdamer Sammlung gleich kommt. ||

Mittwoch 10. Sept. Ausflug von Haag nach Leyden (½ Stunde Eisenbahn). Der Besuch galt ausschließlich dem „naturhistorischen Reichs-Museum“, einer der größten zoologischen Sammlungen, die übrigens meine hochgespannten Erwartungen nicht befriedigte. Zwar sind darin Unmassen von seltenen und kostbaren ausgestopften Thieren aufgehäuft. Aber von niederen Thieren ist darin sehr wenig, weniger als ich in Jena gesammelt habe! Der wissenschaftliche Werth der Sammlung ist gering. Außer dem alten Director derselben, Dr. Schlegel, lernte ich auch daselbst 2 Custoden derselben kennen, Dr. Hoek und de Man, sowie Prof. Hohmann. Nachher schlenderte ich noch ein paar Stunden in den Straßen und an den Grachten von Leyden umher. Nachmittag und Abends mit Mulders sehr vergnügt. ||

Donnerstag 11. Sept. Vormittag in Scheveningen, das von Mulder’s Wohnung noch nicht 1 Stunde entfernt ist. Sehr hübscher Spaziergang mit Louis. Mittags mit demselben in einer sehr hübschen Aquarell-Ausstellung (meist Landschaften, aber auch Genre) Ich lernte dabei mehrere der ersten Maler kennen (Bishop, Gusdag). Nachmittag 5 Uhr ein sehr heiteres und gemüthliches Diner. Louis hatte dazu einen seiner nächsten Freunde eingeladen (Polytechnicums-Director Bosscha aus Delft), sowie Vetter Christian Sethe, Rittmeister im Haag. Beides sehr nette Leute. Wir erzählten viel von unseren Reisen und waren sehr vergnügt. Louis zeigte Viel von seinen Bildern und Skizzenbüchern, sehr hübsche Sachen. ||

Freitag 12. Sept. 79. früh vom Haag nach Amsterdam, wo ich den Vormittag den zoologischen Garten und die Gemälde-Sammlung (des „Rijks- Museum im Trippenhuis“) besucht, beide sehr ausgezeichnet; in letzterem die berühmtesten und größten Bilder von Rembrandt („Nachtwache“) und v. d. Halst, sowie Van Dyk, Terburg etc) Mittag 1 Uhr früh ich von Amsterdam nach Utrecht, in Gesellschaft mehrerer alter Bekannter, die ich auf dem Bahnhof zufällig traf; es war gerade medicinischer Congress in Amsterdam, und die ophthalmologische Section desselben machte eine Excursion nach Utrecht. Darunter befanden sich Prof. Becker aus Heidelberg, Hüter aus Greifswald, Dr. Brettauer aus Triest etc. ||

Prof. Snellen in Utrecht hatte alle diese Herren zu einem solennen Diner eingeladen, zu welchem ich nun auch als Ehren-Gast gebeten wurde. Es war sehr heiter. Auch mein alter Freund und früherer Schüler Wilh. Engelmann (– Bezolds Schwager –) erschien dazu. Vor dem Diner machte ich meinen Besuch bei Frau Engelmann (geb. Brandis) und bei dem alten hochverehrten Prof. Harting. Letzterer führte mich in seine Sammlung. Um 5½ Uhr fuhr ich mit dem Schnellzug von c Utrecht ab (via Emmerich, Wesel, Düsseldorf) und war Abends 11½ U. in Cöln. ||

Samstag 13. Sept. Rheinfahrt beim prächtigsten Herbstwetter. Ich fuhr früh 9 Uhr von Cöln mit dem Salon-Dampfer Wilhelm, in 10 Stunden stromaufwärts bis Bingen, wo ich Abends 7 Uhr anlangte (Schnellfahrt, bei welcher nur 2 Punkte berührt wurden, Bonn und Coblenz). Sehr angenehme Fahrt. Nach dem bunten und geräuschvollen Leben der letzten 6 Wochen that mir der stille Naturgenuß, mit vielen schönen Rhein-Erinnerungen, sehr wohl. Von Bingen Abends per Bahn in 2 St. nach Frankfurt a/M.

Sonntag 14. Sept. Schöner Herbst Tag. Mit dem Schnellzug früh 9 Uhr aus Frankfurt, Abends 5 Uhr in Jena. ||

In der letzten October Woche besuche ich Dich auf einige Tage, liebste Mutter! Heute nur noch in Eile herzlichste Grüße! Hier fand ich die Kinder wohl. Agnes hat leider noch starken Catarrh. Herzl. Grüße an Alle

Dein E.

a gestr.: M; b korr. aus: Rijks-; c gestr.: Cö

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-09-1879
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 39000
ID
39000