Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Jena, 1. Juli 1881

Jena 1. Juli 81.

Liebste Mutter!

Hoffentlich hast Du Deinen 82sten Geburtstag heute im Kreise unserer Lieben froh u. munter gefeiert. Wir haben bei Tische auf Deine Gesundheit angestoßen! Die Blumen aus dem Ziegenhainer Walde sind hoffentlich noch frisch angekommen. – Ich fahre morgen auf 2 Tage nach Ziegenrück und Blankenburg, um in einem von beiden Orten für Agnes und die Kinder auf 3 Wochen ein Quartier für Sommerfrische zu suchen. In 14 Tagen denken sie dort hin zu gehen. Ich werde diese Zeit benutzen, um die Challenger-Arbeit zu fördern. ||

Die Berliner Ärgernisse habe ich glücklich abgeschüttelt. Ich habe schon so Vielerlei der Art erlebt, daß ich mich über Nichts mehr wundere! Der beste und einzige Trost bleibt immer das gute Gewissen!

Von Heinrich S. erhielt ich einen langen Brief voller impertinenter Beschuldigungen und Anklagen. U.A. theilt er mir mit, daß die versammelten Verwandten alle meine Äußerungen mißbilligt und dementirt haben; die, welche er mir a in den Mund legt, habe ich zum Theil gar nicht gethan; er war so heftig, daß er doppelt gehört hat! Ich antworte ihm keinesfalls. ||

Sollte die ganze liebe Verwandtschaft mich wegen dieser Schritte (– über deren Resultate sich alle im Stillen freuen! –) als „verlorenen Sohn“ verstoßen, so werde ich mich nach Allem auch über diesb Unglück zu trösten wissen. Ich thue auch nach wie vor c das, was ich für Recht halte! –

Betreffs der Erbschaft werde ich, d Deinem Wunsche entsprechend, mit Carl verabreden, daß Alles (– viel oder wenig –) zwischen seinen u. meinen Kindern zu gleichen Hälften getheilt wird. – Nun ärgere Dich nur ja nicht mehr darüber! So sind die Menschen!

Mit herzlichsten Grüßen

Dein treuer Ernst

a gestr.: ihn; b korr. aus: das; c gestr.: Komma; d gestr.: mich

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
01-07-1881
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38855
ID
38855