Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Jena, 14. Februar 1881

Jena 14 Febr. 81

Liebste Mutter!

Da ich weiß, daß übermorgen an meinem Geburtstage unsere Gedanken sich viel begegnen werden, so sende ich Dir beifolgend ein Lebenszeichen, das zu diesem Tage – wie Du aus der Widmung an den alten Siebold sehen wirst, in einer besonderen Beziehung steht, die Arbeit über die merkwürdigen, in diesem Winter hier gemachten Entdeckungen über Entwicklung von Aurelia; das ist die schöne Meduse, die ich zuerst in Heringsdorf 1858 untersuchte und deren Brut ich sehr zahlreich seit 3 Monaten hier gezüchtet habe. ||

Die Beobachtungen darüber haben mich seit einem Vierteljahre beschäftigt; die Arbeit selbst aber habe ich in runden 14 Tagen zusammengeschrieben. Es war mir dieselbe eine wahre Erquickung inmitten der ununterbrochenen ärgerlichen und erbitternden Vorgänge, welche mich diesen ganzen Winter hier gestört und den Aufenthalt in Jena recht verleidet haben. Zwar bin ich aus diesen Kämpfen siegreich hervorgegangen, habe aber dadurch unter meinen hiesigen Gegnern und Neidern nun um so mehr Haß und Neid erweckt. Je mehr ich im Auslande an Ehren und Ansehen machte, desto mehr hier in Jena am Gegentheil! ||

Überhaupt hat sich leider hier so Viel verändert, daß Du das alte liebe Jena kaum wieder erkennen würdest. Aus dem einfachen kleinen idyllischen Neste, das bloß Universität und nichts Weiter war, ist eine ungemüthliche Mittelstadt mit halb luxuriösen, halb lächerlichen Einrichtungen geworden. Seitdem 1868 die Garnison, 1876 das Gymnasium und nun gar 1879 das Ober-Landesgericht hier eingezogen, dabei seit 10 Jahren 2 Eisenbahnen entstanden sind, hat sich Vieles gewaltig geändert. Besonders störend wirken die 20 Oberlandes Gerichtsräthe mit ihren 3 „Präsidenten“; die Leute haben offenbar Viel zu wenig zu thun und haben daher eine luxuriöse und geräuschvolle Geselligkeit hier eingeführt, die sehr störend ist. || Bei der neulichen Volkszählung ergab sich, daß die hiesige Bevölkerung seit 4 Jahren von 7000 auf mehr als 10,000 gestiegen ist. Unser elegantes „Südviertel“, statt der schönen grünen Wiese vor dem Neuthor, bis zum Felsenkeller mit häßlichen hohen Mieths-Casernen bedeckt, würdest Du kaum wieder erkennen! –

So ziehe ich mich immer mehr zurück und lebe um so lieber in der Familie. Die 3 Kinder machen uns viel Freude, nur sind sie für Agnes „zu entsetzlich lebhaft“. Liese ist voller niedlicher Gedanken, Walter ein rechter munterer Quintaner, und Emma das verhatschte Nesthäkchen! Seitdem der langwierige Catarrh endlich seit 8 Tagen und Alle verlassen hat, sind wir wieder guter Dinge!

Mit herzlichen Grüßen

Dein treuer alter Ernst.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
14-02-1881
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38851
ID
38851