Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Jena, 21. November 1879

Jena 21. Nov. 79.

Liebste Mutter!

Durch Deinen lieben ausführlichen Brief hast Du mich sehr erfreut. Ich sehe daraus, daß Du Deinen Besuch bei T. Bertha ausgeführt und daß er Dir gut bekommen ist. Du kannst doch mit Deiner Gesundheit und Deinen Kräften, besonders auch mit Deiner geistigen Frische, bei Deinen 80 Jahren recht zufrieden sein. Mögen sie Dir noch lange so erhalten bleiben! ||

Morgen werde ich am Geburtstage unsres lieben Vaters ganz besonders an Dich denken, liebste Mutter! Das war ja immer ein besonderer Freudentag für uns, und für Dich insbesonderea! –

Mein Besuch in Potsdam, wenn auch nur kurz, war mir doch sehr lieb! Ich kann Dir nicht sagen, liebste Mutter wie froh ich bin, Dich nun in einer guten bequemen Wohnung und in Carls treuer Pflege zu wissen. Auch machen Dir ja die Kinder so viel Freude! ||

Bei uns geht es recht gut! Vor 14 Tagen hatte die ganze Familie einen tüchtigen Catarrh – als Einleitung zum Winter, bei scheußlichstem November-Wetter! – Jetzt ist Alles glücklich vorüber. Ich hatte in den ersten Semester-Wochen wie gewöhnlich, so viel zu thun, daß ich nicht wußte, wo anfangen! Eine Masse neuer Studenten, dabei Besuche vieler neuer „Oberlands-Gerichts Räthe, – und der Abschluß des I. Theils meines „Medusen-Systems, der gestern glücklich fertig geworden ist. ||

Mit dem Semester sind wir sehr zufrieden und haben sogar (seit undenklicher Zeit zum ersten Mal!) Heidelberg überflügelt (das sehr schlecht besucht ist!). Ich habe in der Vorlesung 60 Zuhörer, im Practischen Cursus 20, das mögliche Maximum! –

Von den Kindern wird Dir Agnes nächstens schreiben. Lisbeth ist wieder ganz munter und geht seit 8 Tagen (mit größtem Eifer!) in die Schule.

Für heute herzlichste Grüße an Alle und für Dich besonders von

Deinem treuen Ernst.

a korr. aus: besonders

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
21-11-1879
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38832
ID
38832