Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Merseburg, 17. Februar 1852

Merseburg 17/2 1852

Herzliebe Eltern!

Daß mein gestriger Geburtstag nicht, wie sonst, ein Fest- und Freuden-Tag für mich war, brauche ich euch nicht auseinanderzusetzen. Er wurde dies in den frühern Jahren doch nur durch das herzliche, innige Zusammensein mit euch; und da dies diesmal, wenigstens äußerlich fehlte, so konnte ich schon voraussehen, daß der ganze Tag ein fortlaufender „moralischer Katzenjammer“, gemischt mit Heimweh, Ärger über unvollendete gute Vorsätze u. s. w. sein würde. Jedoch habe ich, was mir äußerlich fehlte, innerlich zu ersetzen gesucht, und bin den ganzen Tag recht mit Herz und Sinn bei euch gewesen, wie ihr wohl auch bei mir gewesen seid; namentlich habe ich eure lieben Briefe, die mir außerordentliche Freude gemacht haben, recht oft mit ganzer Seele a gelesen und michb daran erquickt; freilich war das Resultat meiner Betrachtungen undc Gedanken d dabei in der Hauptsache doch nur das, daß ich die herzliche Liebe solcher guter Eltern noch gar nicht verdient habe, und daß, je öfter und ernster ich den Vorsatz gefaßt habe, mich eurer recht würdig und werth zu bezeigen, desto weniger daraus geworden ist. Aber deßenungeachtet habe ich auch gestern wieder recht von Herzen den ernsten Vorsatz gefaßt, mich nun an doppelt fest zu bestreben, immer mehr euer guter Sohn zu werden, an dem ihre Freude haben mögt, || und Gott recht gedankt, daß er mir so gute Eltern geschenkt, und mir überhaupt so gnädig bis jetzt geholfen hat. Die ganze äußere Feier des Geburtstags bestand darin, daß Osterwald früh heraufkam, mir gratulirte und den 4ten Band seiner altdeutschen Erzählungen (König Rother und Engelhard) schenkte, daß Mittag auf meine und eure Gesundheit getrunken wurde, und daß ich Nachmittag Weber, Hetzer und Weiß mit einer schönen Torte und Apfelsinen tractirte; mit denen ich dann auche spatziren ging, und zwar nach Arnimsruh, bei sehr stürmischen, unfreundlichen, trüben Wetter, das mir aber lieber war, als wenn die Sonne geschienen hätte. Außerdem haben auch Zierhold, Eichhoff und Osterwalds große Stücke vom Kuchen bekommen, so daß er nun schon fast ganz alle ist. f Recht herzlich danke ich euch auch für die andern Geburtstagsgeschenke, namentlich für die schöne Medaille von Heim, die mir außerordentliche Freude gemacht hat, sowie für die Bilder von Humboldt und Willdenow. Die beiden Landschaften sind ja schrecklich hoch weggegangen und es ist recht gut, daß ihr sie nicht dafür genommen habt, obwohl ich sie mir sehr gewünscht hätte. Außer euren schönen Geschenken und Briefen, f an denen ich mich wieder recht über eure herzliche Liebe habe freuen können, erhielt ich auch einen netten Brief von Hermine, einen von Finsterbusch, und einen sehr zärtlichen von Tante Kalyski, die mir ein amerikanisches, seidnes Taschentuch schenken will; sie leidet übrigens wieder an einem rheumatischen Brustfieber. Von Weiß habe ich ein selbstgefertigtes Löthrohr zu chemischen Versuchen bekommen, das ich mir schon längst gewünscht hatte. ||

Den Abend war ich ganz allein und habe, wie jetzt gewöhnlich, bis nach 11 Uhr, geochst und zwar Kirchengeschichte, von der wir heute Repetition hatten. Überhaupt muß ich noch tüchtig auf das Examen losarbeiten, namentlich Geschichte, in der ich alle Jahreszahlen wieder vergessen habe. Wollte Gott, das verwünschte Examen wäre vorbei! In 3 Wochen werde ich hoffentlich bei euch sein. Am Sonnabend wurden uns auch die Erfolge des schriftlichen Examens mitgetheilt, wobei der alte Wieck eine große Pauke über das Lateinschreiben hielt (N. B. Nach dem Examen werde ich ihm den Aufsatz über die Wichtigkeit des Studiums des Lateinischen in Örsteds vermischten Schriften zu lesen geben!) Die deutschen Aufsätze waren alle genügend, bis auf meinen, der „vollkommen genügend“ war („der Aufsatz liefert einen erfreulichen Beweis von der Reife des Urtheils des Verfassers u. s. w.“). Die besten lateinischen Aufsätze waren die von Wiegner, Gasch und Koch; dann folgt meiner („genügend; sowohl in Hinsicht aufh Leichtigkeit der Darstellung und logische Ordnung, als historische Anschauungsweise; zu wünschen blieb festere Verknüpfung der Gedanken; grammatische Verstöße und Germanismen sind nicht darin“). Meist schlechte Arbeiten hatten geliefert Henkel (der allen sehr leid thut) Nägler, und Schröder; von denen die beiden erstern gleich freiwillig zurücktraten, der letztre aber trotz aller Ermahnungen und Drohungen der Lehrer doch das mündliche Examen mitmachen will. – ||

Die Besorgungen von Dir, liebste Mutter, habe ich alle bestellt; Madam Merkel, die Karo und die Grumbach lassen alle herzlich danken; die Grumbach war über die Lotteriegeschenke ordentlich gerührt; bei der Merkel habe ich ein halbesi Dutzend Loose genommen. Die ersten Veilchen, die ich Dir mitschicke, sind aus der Ecke unsers alten, kleinen Gärtchens. –

Hattest Du denn die Kiste schon bezahlt? ich habe hier noch 13 Sgr dafür bezahlen müssen. –

Die schöne Pomeranzenmarmelade werde ich nächste Tage versuchen, bis jetzt habe ich immer ein Stückchen Chocolade auf den Thran gegessen. Die englischen Bonbons schmecken delicat; auch der porcellanene Medicinlöffel ist mir für den Thran sehr lieb; ich hatte mir ihn schon lange dazu hergewünscht; tausend Dank dafür. Auch Dir liebster Vater, danke ich noch herzlich für Deinen schönen Brief; er hat mich ordentlich in meinem traurigen Alleinsein getröstet, und die guten Regeln und Ermahnungen, die Du mir so väterlich gibst, will ich von nun an alles Ernstes zu befolgen und mit Gottes gnädiger Hülfe auszuführen mich bestreben. Es bedarf ja nun der Vorsicht und des festen, starken Willens doppelt, da ich doch nun erst eigentlich in die Welt hinaustrete. Besonders, was Du über meine Verzagtheit und j geringe Festigkeit, sowohl im Willen, als in der Empfindung sagst ist sehr wichtig; ich will mir aber recht fest vornehmen, sie zu überwinden und dadurch ein guter, ordentlicher und brauchbarer Mensch zu werden, der Dir Freude macht und die Sorgen, die Dir Politik und andre Dinge bereiten, erleichtert. Dein treuer Sohn

Ernst Haeckel

Tante Bertha dankt noch tausendmal für ihren herrlichen Brief der mich ordentlich gestärkt hat. –k

Die beiden Register zu dem Ministerialblatt und der Gesetzsammlung für Karl habe ich auf der Post abgeholt.

a gestr.: darin; b korr. aus: recht; c eingef.: und; d gestr.: und Vors; e eingef.: auch; f gestr.: H; g gestr.: bek; h eingef.: auf; i eingef.: halbes; j gestr.: und; k Text weiter am linken Rand: Tante Bertha … gestärkt hat; l Text weiter am linken Rand von S. 3: Die beiden Register … Post abgeholt.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
17-02-1852
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 38752
ID
38752