Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Merseburg, 31. Januar 1852

Merseburg 31/1 1852

Sonnabend Abend

Liebste Ältern

Obgleich meine armen Finger vom Schreiben so lahm und steif, wie Krückstöcke, sind, muß ich euch doch noch heute Abend die wichtigsten Ereignisse der verflossnen Woche mittheilen die vielleicht eine der bedeutendsten und schrecklichsten meines bisherigen Lebens zugleich ist. Soviel kann ich euch sagen, daß ich heute Abend wie neugeboren bin und mir eine schreckliche Last vom Herzen ist. Am Montag früh war ich wieder so weit, daß ich mit dem Stock a die Schule besuchen konnte. Wir hatten die erste Stunde bei Osterwald. Als er fertig war, fragte er, ob wir morgen (Dienstag) die Abiturientenarbeiten machen wollten. Das traf uns alle, wie ein Blitz aus heiterm Himmel; Wir sagten natürlich nicht: nein! und so ist es denn diese Woche losgegangen. Dienstag, Donnerstag und Sonnabend von 8 - 1 Uhr und von 3 – 6. Dienstag schrieben wir die deutsche Arbeit, zu der wir 3 Themata bekamen: 1) Die italienische Reise übte auf Göthes Leben einen gleichen Einfluß aus, wie die jenaische philosophisch-historische Periode auf Schillers Entwicklung, 2) Der Einfluß göthischer Denkweise auf Schiller an dessen Balladen nachgewiesen, 3) Wie theilen sich die Richtungen Klopstocks in die Mitglieder des Göttinger Dichterbundes. Ich hatteb das erste, wie Osterwald sagt, schwächste Thema gewählt. || Montag Nachmittag machten wir die griechische c Arbeit, die in der Übersetzung von 70 Versen aus Euripides Hekuba bestand. Donnerstagd war die mathematische Arbeit, wobei e wir jeder 3 verschiedene Aufgaben bekamen: 1 geometrische, 1 trigonometrische und 1 Gleichung. Ich löste alle. Nachmittag übersetzten wir ein Stück aus dem Segür aus dem französischen: der Einzug Napoleons in Moskau.

Heute endlich machten wir früh die so allgemein gefürchtete, schreckliche, lateinische Arbeit. Wieck gab uns aber ein recht hübsches und leichtes Thema: Cur Vitellius Vespasiano necessario succumbere debuerit. Nachmittag hatten wir ein leichtes lateinisches Extemporale aus dem Livius.

f Obgleich ich es von den 3 ersten Arbeiten schon weiß, daß sie genügend sind und es von den übrigen zu hoffen wage, so habe ich dochg schrecklich viel Angst ausgestanden; und namentlich dachte ich, die Arbeiten würden recht schlecht werden, weil mir der Kopf in dieser Woche so verwirrt war, und ich besonders recht viel Heimweh wieder hatte. Gott sei Dank, daß es nun vorüber ist. Nun noch circa 6 Wochen und ich hoffe bei euch die seligsten Tage zu erleben. Mit dem Fuß will es noch nicht recht gehen; ich habe noch öfter Schmerzen in beiden Knieen; die Sache ist wohl entweder rheumatisch oder scrophulös. Jetzt trinke ich täglich 3 mal 1½ Eßlöffel Leberthran, den ich aus Leipzig habe kommen lassen; schöne Delikatesse! ||

Den Schleiden brauchst Du mir jetzt gar nicht zu schicken. Meine andern 3 Stubengenossen baten mich, ich möchte doch lieber mit 2-3 Thaler mit ihnen geben, um Göthes Reinecke Fuchs von Kaulbach zu kaufen, den sich Osterwald schon lange gewünscht hath. Sie haben ihn nun schon auch bestellt, und ich hoffe, ihr werdet nichts dagegen haben, wenn ich mit dazu beisteure. Den Schleiden kann ich ihm dann entweder zu Ostern schenken, wenn ich weggehe, oder Karl kann ihn Mimmi zum Geburtstag schenken, oder ich behalte ihn auch selbst, und schenke meinen alten Schleiden an einen meiner Freunde (z. B. Hetzer, Weber, oder Weiß) – Vorgestern brachte mir auch Christel mehrere Dutzend gelbe hölzerne Zwirnwickeln. Sie kosten 1 rℓ. Soll ich sie Dir, liebe Mutter, schicken, oder zu Ostern mitbringen. Mit Louisens Fuß geht es noch nicht besser; sie liegt nun schon 3 Monate. Finsterbusch soll es recht gut gehen; er ist in Halle von einem Magnetiseur, der sich ihm freiwillig und unentgeldlich anbot, plötzlich so geheilt worden, daß er munter ohne Krücken herumlaufen kann. ||

Daß ich beim Leberthrannehmen, den ich übrigens ganz lakonisch und heroisch, ohne Gesichterschneiden herunterschlucke (ausgenommen, daß er zuweilen, wenn er schon halb unten ist, von selbst wieder i aus der Kehle kommt) mit meiner geliebten Schwägerin sympathisire, freut mich sehr. Mein lieber Bruder, dem ich für seinen Brief herzlich danke, und ihm viele Grüsse schicke, kann ihr das schreiben, und zugleich, daß ich ihr nach glücklich bestandnem Examen auch einmal schreiben werde. – Dir, lieber Vater, danke ich recht herzlich für j Deinen Bericht aus der Braunschen Vorlesung; er hat mich sehr interessirt und gefreut, namentlich freue ich mich sehr, daß ich ganz mit Dir einer Ansicht bin; aber Schleiden kannst Du in Hinsicht des Rationalismus nicht mit Burmeister zusammenstellen; lies nur einmal seine 3 letzten Vorlesungen in der „Pflanze“, namentlich die elfte geologische. – Habt ihr denn auf der Auction die Bilder von Willdenow und Humboldt und die beiden Wasserfall-Landschaften bekommen? ich hoffe stark.

– Morgen Mittag bin ich bei Karos. Ich besuchte sie heute Abend; sie läßt Mutter recht schön grüßen und ihr sagen, sie wird recht bald schreiben. Ebenso Madam Merkel, die in Folge einer Erkältung zu Bett liegt. Nun ade, liebe Eltern, schlaft recht wohl, ich bin heute recht herzlich müde. 1000 Grüße an alle

Euer alter Ernst H.

a korr. aus: das; b korr. aus: habe; c gestr.: Übersetzung; d korr. aus: Dienstag; e gestr.: ich; f gestr.: Bis; g eingef.: doch; h korr. aus: habt; i gestr.: he; j irrtüml.: den

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
31-01-1852
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 38750
ID
38750