Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Merseburg, 8. Dezember 1851

Merseburg, Mittwoch 8/12 1851.

Liebe Mutter!

Wie sehr ich mich jetzt täglich, ja stündlich auf Weihnachten freue, kann ich euch kaum sagen. Es wird wohl der [!] schönste Weihnachten werden, den ich erlebt habe, und die herzliche Freude drängt sogar die Examensorgen in den Hintergrund. Leider werde ich wohl erst Dienstag kommen können, weil wahrscheinlich erst dann geschlossen wird. Jedenfalls werde ich aber a 14 Tage bleiben.

b Dabei will ich Dir auch gleich einen Wunsch schreiben: Du wirst Dich wohl erinnern daß ich von der Schulbibliothek ein schönes großes Pflanzenwerk geborgt hatte, ein dickerc Band, mit über 1000 Seiten Text und ein ebensolcher mit 282 feinsten Kupfertafeln. Das Werk kostete bunt 33⅓ rℓ und schwarz 14½ rℓ; ist jetzt aber zu dem äußerst niedrigen Preis von 4⅔ rℓ herabgesetzt. Der Titel ist:

Das Pflanzenreich von Petermann

Mit 1600 Pflanzenabbildungen

Preis neu 14½ rℓ Leipzig 1845 bei Eduard Eisenach

jetzt 4⅔ rℓ

d Es ist ein sehr gutes Werke und ich hatte mir es schon längst gewünscht; bitte kauft es nur doch ja bald, es möchte sonst vergriffen werden. Ich freue mich schon darauf, nach bestandenem Examen es nach dem bunten Exemplar der Schule bei euch coloriren zu können. − ||

Dann kannst Du mir auch zu Weihnachten einen Regenschirm schenken, aber einen baumwollnen, keinen seidnen! Von Kleidungsstücken brauche ich gar nichts! Sodann will ich f Dir auch ein Weihnachtsgeschenk für Karl oder Vater sagen, was auch Tante Bertha sehr interessiren wird. In der Gselliusschen Buchhandlung in der Kurstrasse ist nämlich Gervinus Nationalliteratur, die eigentlich 16 rℓ kostet, elegant gebunden und ganz neu, für 5–6 rℓ zu haben. Laßt diese beiden Werke ja nicht vorbeigehen. − Habt ihr denn schon gehört daß der arme Niemeyer nun auch, 14 Tage nach seinem Sohn, kaum 50 Jahr alt, gestorben ist; und zwar auf schrecklich quälende Weise, an Magenerweichung. Osterwald, der jetzt wieder besser ist, ist sehr betrübt darüber; er meint, er hätte sich rein überarbeitet. Auch für die Frankeschen Stiftungen ist es ein großer Verlust. − Daß ihr immer die Bekannten hier antreibt, mich einzuladen, und mich ermahnt, sie Abends zu besuchen, ist gar nicht recht. Ich bin so schon zu viel aus. Auch sind die spätern Abendstunden die einzige Zeit, wo ich zusammenhängend arbeiten kann, da sich die Tageszeit meist gänzlich zersplittert, und ich früh bei Licht meiner Augen wegen weder arbeiten kann, noch will. Ich bleibe deßhalb jetzt meist bis gegen oder über 11 Uhr auf und stehe erst um ½8 Uhr auf. Neulich war ich auch des Nachmittags bei Merkels, wo des kleinen Ernst Geburtstag mit Chocolade gefeiert wurde. –

Viele Grüße und Küsse von Deinem alten Ernst.

a gestr.: 8; b gestr.: W; c eingef.: dicker; d gestr.: U; e eingef.: Werk; f gestr.: auch

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
08-12-1851
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 38746
ID
38746