Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Carl Gottlob Haeckel, [Merseburg, 22. November 1851]

Liebster Vater!

Wenn jetzt ein Paar Tage Ferien gewesen wären, etwa wegen Jahrmarkts, so würde nicht viel gefehlt haben, daß ich Dich selbst in Berlin überrascht und Dir persönlich die herzlichsten Glückwünsche zu Deinem Geburtstag dargebracht hätte. So aber muß ich mich freilich beschränken, Dir zum erstenmal schriftlich meine innigen Wünsche für Dein Leben, Wohlergehn und Glück zu senden, die Du ja wohl kennst und fühlst. Es ist Dein siebzigster Geburtstag und da müssen wir ja Gott noch einmal so viel für seine Wohlthaten, und besonders, daß er Dich noch so frisch und munter erhalten hat, danken, und noch einmal so innig auch um seinen Seegen flehen, als sonst. Dabei muß ich Dich aber auch erinnern, daß Du von a nun an Dich ja nicht mehr so über die verwünschte Politik ärgern und hypochondrisch an Deinen so gesunden Körper denken b sollst, wie Du das bisher gethan, sondern immer vertrauensvoll den Muth oben behalten und daranc denken mußt, daß Du noch in 10 Jahren Deine Herrn Söhne, den Appelrath senior und den Doctor junior besuchen sollst. || Den Gedanken, Dich persönlich am 70sten Geburtstag zu überraschen faßte ich so plötzlich und malte ihn mir so hübsch aus, d besonders da meine Hausgenossen mich dazu noch ermunterten, daß ich ordentlich erschrak und traurig wurde, als ich auf einmal wieder die absolute Unmöglichkeit einsah. Die Schule, ihre Arbeiten, die große Zeitbeschränkung und vor allem der Gedanke an das schreckliche Examen selbst sind aber recht geeignet, einen bitter und hart aus jedem schönen Traum zu erwecken. Und doch hege ich jetzt fast noch mehr schöne Träume, von denen vielleicht keiner in Erfüllung geht, als je vorher. Aller Augenblicke kömmt mir die herrliche Zeit in den Sinn, die ich nach dem Examen bei euch verbringen will, wie ich malen, zeichnen, lesen, botanisiren und die andern Zweige der Naturwissenschaft hegen will, wie ich in die Museen und den zoologischen Garten gehen und mich dort freuen will; dann kommt wieder das ersehnte Jena mit seiner herrlichen Muschelkalkflora, mit dem göttlichen Schleiden und den blumenreichen Wäldern, und dann! ja dann kommt wieder unmittelbar || daran gereiht, das Ziel der irdischen Wünsche die Reise in die Alpen und ich klettre schon im Geist an den himmelfarbenen Gletschern und küsse die niedlichen, kleinen Alpenpflänzchen mit der reinen großen, duftenden Blume, die auf schwarzen Basalt den weißen Schnee begränzen oder ich zeichne die kolossalen Felsen ab und strecke mich auf den herrlichen Matten. Und dann dieser trostlose Abstand wenn ich mich auf einmal wieder in der von Tag zu Tag unerträglichern Schule oder in der dumpfen Arbeitsstube finde mit den Stubengenossen die doch so wenig mit mir harmoniren, oder zum Fenster hinaussehe und die ganze triste Stoppelfeld-Ebene, auf der der Novembersturm herumjagt betrachte; es ist mir immer, als müßte ich unmittelbar zu euch fliegen, oder auch nur den Wanderstab ergreifen und mich einmal in der Welt umsehen. Das Sitzfleisch wird, je nöthiger ich es jetzt brauche, fast nur desto rarer und unbeständigere und die edle Geduld nimmt ab, statt zu wachsen. Indessen in einem Vierteljahr wird ja wohl hoffentlich das Schreckniß überstanden sein; || und dazwischen liegt ja noch das herrliche Weihnachtsfest, zu dem ich mich jetzt schon alle Tage freue. Ja, lieber Vater, heute über fünf Wochen werde ich ja wohl jedenfalls mich mit euch freuen. −

Die f geringen Zeichnungen, die ich Dir als mein ganzes Geschenk schicke, werden Dich an und für sich wohl wenig interessiren; Sie sollen Dir nur zeigen einmal meine innige Liebe zu Dir, mein theurer Vater, und dann, daß ich das Zeichnen keineswegs g ganz vergessen und verlernt habe, und dasselbe, wenn ich erst ein freier Mann bin, tüchtig wieder treiben werde. Die 3 kleinen Baumskizzen sind von einem höchst genialen Landschaftsmaler, Krüger aus Stendal, entworfen der sie, als er neulich hier war, seinem Jugendfreund Osterwald schenkte. Ich habe sie als characteristische Skizzen möglichst treu copirt. Die andre Zeichnung die die ohnmächtige Andromache, von ihren Gefährtinnen aufgefangen, darstellt, habe ich aus den berühmten Umrissen des Engländers Flaxmann zur Odyssee und Ilias copirt. Mögen sie Dir ein kleiner Beweis sein, daß stets liebend an Dich denkt

Dein treuer, alter Junge Ernst Haeckel.

a gestr.: Ger; b gestr.: kannst; c eingef.: daran; d gestr.: d; e eingef.: un; f gestr.: Ge; g gestr.: k

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
22-11-1851
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 38744
ID
38744