Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Merseburg, 2. November 1851

Merseburg 2/11 1851.

Liebste Ältern.

Ich benutze die Sonntagsfrühe, um euch auf euren Brief der mich sehr erfreute, da ich so früh noch keinen erwartet hatte, zu antworten. Mir geht es jetzt ganz leidlich und ich habea so knapp die Zeit abgemessen, daß ich kaum zur Besinnung kommen kann; eine deutsche, eine lateinische, eine mathematische Arbeit, das soll ich noch alles morgen und übermorgen in den beiden freien Jahrmarktstagen machen. Gestern Nachmittag waren wir 4 „Pensionsviertel“ (wie uns die Schüler betiteln) mit Osterwald und Engel, der vorgestern von seiner großen, halbjährigen russischen Reise zurückgekehrt ist, in Wallendorf. Letzterer erzählte viel von Rußland. Es muß wirklich schrecklich dort sein; ein Druck und eine Willkühr, wie man sie sich nicht ärger denken kann; und dabei doch alles durch Bestechung erreichbar. Besonders arg ist dies mit dem Paß-Wesen an der Grenze und den Zeitungen, in denen alles, was nur irgend Bezug auf Politik hat, sogleich von den censirenden Postmeistern schwarz überpinselt, und der Redacteur, ist er ein Ausländer, über die Grenze, ist er ein Russe, nach Sibirien gebracht [wird]. Auch von Eisenbahnunglücken u. dergl. darf nie etwas gedruckt werdenb. –

Gestern Abend waren wir 4 den ganzen Abend nach dem Essen noch unten, wo uns Osterwald mit dem köstlichsten Humor den Don Quixote vorzulesen anfing. Er ist wirklich ein köstlicher Mann; wir werden von jetzt an wöchentlich einen Unterhaltungsabend haben. || Heute haben wir zum zweiten mal eingeheizt, aber nicht viel, da auch Weiß lieber etwas kalt, als zu warm sitzt. Auch hat es den Vortheil, daß die beiden andern, die sehr frostig sind, nun nicht so viel herüberkommen. – Die Pfefferminze aus unserm Gärtchen hatte ich schon längst abgeschnitten. Sie ist auch schon ganz trocken, aber es ist freilich nicht viel. Der Garten ist sehr verändert, da Madam Merkel (die sich über deine Briefe sehr freute) ihn an den jungen Dill in der Ressource ganz verpachtet hat. Alles ist umgegraben. – Läßt Du, liebe Mutter, denn auch die Blumen ordentlich besorgen und besonders die Töpfe, in denen die Liliaceen Zwiebeln sind, ordentlich begießen? Saget meinem lieben Karl, den ihr mir herzlich grüßen und küssen müßt, daß ich von der Gesetzsammlung No 33–38 und von dem Ministerialblatt No 40–43 nun richtig bekommen habe, aber die Gesetzsammlung nicht c in zwei Exemplaren, wie Karl schreibt, sondern einfach. – Brauchitschens haben einen kleinen muntern Jungen bekommen; sonst hab‘ ich von den Bekannten nichts wieder gehört; ich werde aber wohl bald einmahl wieder zu Karos gehen müssen.

Ich habe nun auch Friedrichs (den ich neulich in seiner d ganz kleinen Kneipe besuchte) neue Ehehälfte kennen gelernt; es ist ein höchst gutmüthigdumm aussehendes Gestell von 4´ Fuß Höhe und 3´ Breite. –

Es ist schon halb 10 Uhr, und ich muß mich rasch anziehen, um noch bei Braun in die Kirche zurecht zu kommen – ||

Sonntag Nachmittag.

Braun hielt wieder eine schöne, offne und herzliche Rede, über den Text: „Suchet in der Schrift“, wobei er, indem er über das Warum, Wo und Wie des Suchens sprach, daraufhin wies, wie es erst dadurch im Staate besser werden würde, wenn die Leute sich mehr mit der Bibel beschäftigten und dadurch das Familienleben besserten.

– Abends

Schon wieder unterbrochen! Als ich dies eben schrieb, kam Finsterbusch von Halle mich besuchen und ich ließ mir viel von ihme über das Studentensein erzählen wobei ich natürlich wieder sehnsüchtigst der schönen kommenden Zeiten, aber auch grauenvoll des Examens gedachte, zu dem noch so unmenschlich viel in den Kopf gepfropft werden soll und wenn ich mich am Schluß der Woche frage, was ich gethan, so ist es doch nichts! O Gymnasium! o tempora, o mores! –

Heute aßen wir Gänsebraten; f mache Dir aber, liebe Mutter, ja keine Illusionen von dem einstigen Mutter-schen Gänsebraten auf der Hütte! Es war nichts, als etliche mächtige hohle Knochen, mit zähem, trocknen, alten, saft- und fett-losen Fleisch sparsam überzogen. Dabei erfuhr ich auch die allerneuste Neuigkeit, nämlich die Verlobung des Grafen von Zech (Herrn von Goseck pp) mit Frl. Thekla von Krosigk. || Nachdem Finsterbusch weg war, ging ich mit meinen 3 Pensionscollegen auf den Exercirplatz zu dem berühmten Athleten und Gymnastiker Kolter, der schon die ganze Woche hier Vorstellungen gegeben hatte. Kolter selbst spielte nur noch ganz weniges, aber sein Haupt-Matador, Weitzmann, vollbrachte wirklich außerordentliches. Er sprang von einem hohen Schwungbrett über einen mit 2 Pferden bespannten Wagen der Länge nach weg, dann über 6 nebeneinanderstehende Pferde, dann über die gekreuzten Bajonette 8 ihre Gewehre grade abfeuernder Soldaten, und zwar alle Sprünge, indem er sich überschlug; dann ging er, als es schon ganz dunkel war, als Galeerensclave gekettet, die Hände gebunden, ein thurmhohes Seil hinauf und hinunter u. s. w. –

Übrigens bin ich diese Woche nicht viel herausgekommen, da es meistens trübes, neblichtes Wetter und die letzten Tage auch recht naß-kalt war. –

In der vergangenen Woche verheirathete sich auch die Schwester von Frau Thielemann mit einem Magdeburger Kaufmann, wozu Osterwald wieder viele komische Sachen gedichtet hatte. –

Abends arbeite ich jetzt immer bei Vaters gelber Stellampe, die mir sehr zu Statten kommt. Weiß hat auch eine; die andern beiden müssen aber bei Licht arbeiten. –

Nun viele tausend Grüße und Küsse an Alle, besonders meinen alten Karl, dem ich nächstens besonders schreibe, und Tante Bertha.

Euer alter, treuer Junge Ernst Häckel. – ||

Was Papa mir von Leopold von Buch schrieb, hat mich höchlich amüsirt, das von Lichtenstein sehr interessirt. Das ich neben der Naturwissenschaft tüchtig Medicin studiren muß, weiß ich wohl und ich freue mich auch sehr darauf. Was aber aus dem ausstudirten Mann wird, weiß der liebe Himmel. Zum practischen Arzt zu ungeschickt, zum Reisenden zu unpractisch, zum Professor zu schlecht, zum Provisor und Kräutermann zu gut; g Vorerst weiß ich nur, daß ich mit ganzer Seele studiosus medicinae et naturalium werde.

Für das weitere wird schon Gott sorgen.

Bis dahin euer alter Naturmensch!

a eingef.: habe; b eingef.: werden; c gestr.: doppelt; d gestr.: höchst; eingef.: ganz; e eingef.: ihm; f gestr.: stelle; g gestr.: Wa

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
02-11-1851
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Berlin
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 38735
ID
38735