Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Jena, 21. Mai 1868

Jena 21 Mai 68.

Liebste Mutter!

Wie Du aus Agnes Brief ersehen haben wirst, konnte ich das letzte Mal nicht mitschreiben, weil ich nach Halle reisen mußte, um dort eine osteologische Sammlung für das hiesige zoologische Museum zu kaufen. Ich benutzte dazu ein Sonntags- Retour- Billet, wie solche jetzt auf der Thüringer Bahn ausgegeben werden. Sie sind sehr bequem, gültig von Sonnabend bis Dienstag, und Kosten von a Apolda bis Halle b und zurück nur 1 rℓ. Ich gingc am Sonnabend Mittag bei großer Hitze nach Apolda hinüber und fuhr bloß bis Merseburg. || Hier besuchte ich die gute Merkel, welche bis zu Thränen gerührt war und mir mehrmals um den Hals fiel. Sie läßt Euch herzlichst grüßen. Ihren Kindern geht es wohl. Von August erzählte sie mir noch Viel. Sie wohnt jetzt bei ihrem Vater. Dann ging ich allein durch die Stadt, besuchte den Schloßgarten, Arnimsruh etc, durch die Altenburg etc d über den Damm zu unserer alten Wohnung. Im Ganzen ist Alles noch unverändert. Mir wurde sehr wehmüthig e ums Herz, und ich mußte recht Viel an die schöne Jugendzeit denken, welche ich hier verlebt hatte. Es war doch recht schön und das einfache und natürliche Leben für meine Entwickelung gewiß das Beste. Dabei gedachte ich mit dem || innigsten Dank, liebste Mutter, Deiner Erziehung, welche so oft geschmäht wurde, und welche nun doch zu einem Resultate geführt hat, auf das Du stolz sein kannst. Wenn ich auch nicht, wie Du wünschtest, ein christlicher, bin ich doch ein natürlicher Prediger geworden, der seine Stelle gut ausfüllt und nebenbei ein recht braver Kerl ist. Daß ich als Naturforscher was gelte, zeigen mir die vielen Schriften, die ich jetzt (im Durchschnitt gewiß jeden Tag eine!) von allen Seiten geschenkt bekomme. Gestern bekam ich wieder ein großes Werk von der Royal Society (der königlichen Akademie der Wissenschaften in London) geschenkt. || Sonnabend Abend blieb ich bei Karo, wo ich diese und die folgende Nacht schlief. Er ist sehr wohl und frisch, steht jedoch sehr isolirt in Merseburg und wünscht bald abzugehen. Sonntag früh fuhr ich mit Karo nach Halle. Bassewitz fanden wir verreist. Den Vormittag besorgte ich meine Geschäfte mit Professor Welker, und machte dann einige Besuche (bei Professor Girard und de Bary, Graf Solms-Laubach sowie verschiedenen Damen, unter Anderem die beiden Schwestern Simon (Marie und Gertrud) welche Euch herzlich grüßen lassen. Wir fuhren im Nachen nach Giebichenstein und Trotha, Abends um 9 Uhr zurück. Es war das herrlichste Wetter. Um 11 U. fuhr ich mit Karo nach Merseburg zurück. Montag Morgen besuchte ich mehrmals Großmutters Grab, auf welchem jetzt auch Frau Karo liegt. ||

II,

Montag um 10 Uhr fuhr ich nach Apolda zurück und ging um 12 Uhr wieder nach Jena, wo ich um 2 Uhr bei Agnes war. Es that mir in Halle sehr leid, nicht auf einen Sprung zu Euch nach Berlin kommen zu können. Aber es ging wegen der Zeit nicht an. Sehr leid thut es mir, daß ihr nicht jetzt schon hier sein. Der Frühling ist gar zu herrlich, seit 14 Tagen ununterbrochen das schönste heiterste Wetter, wie auf den canarischen Inseln. – Meine Vorlesungen sind seit 4 Wochen im Gang. – Agnes geht es jetzt recht gut. Sie ist sehr munter. Sie hat Dir wohl geschrieben, daß sie seit 14 Tagen bei ihrer Mutter wohnt, weil bei uns gebaut und angestrichen wird. ||

Es wäre mir lieber, wenn Du mir noch vor Pfingsten das Zeug zum Sommeranzug schicktest, liebe Mutter, am liebsten grau oder graubraun, jedenfalls melirt, ungefähr so wie einliegende Probe von meinem früheren Anzug (1864) welcher sich sehr gut getragen hat.

– Wir freuen uns sehr auf euer Herkommen, liebste Eltern; richtet Euch nur gleich so ein, ordentlich lange hier zu bleiben. Das Unterbringen der Bedienten wird keine Schwierigkeiten haben.

– An alle Freunde und Lieben herzlichste Grüße

Euer treuer Ernst.

Zu Pfingsten gehe ich auf 6-8 Tage in den Thüringer Wald.

a gestr.: Ha; b gestr.: nur 1 rℓ; c korr. aus: fuhr; d gestr.: ge; e gestr.: H;

 

Letter metadata

Verfasser
Empfänger
Datierung
21.05.1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38713
ID
38713