Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Jena, 24. Januar 1868

Jena 24. Jan. 68.

Liebste Mutter!

Schönsten Dank für Deinen Brief. Die Thüringer Aktie habe ich hier besorgt.

Meine Vorlesung „über den Pik von Teneriffa“ habe ich am Mittwoch 22.a glücklich gehalten. b Sie war recht gut gelungen. Obgleich ich über 1 Stunde sprach, hörte Publicus doch voller Spannung bis zuletzt an. Der große Rosen-Saal war bis auf den letzten Platz voll, wie noch nie. Der alte Frommann, der die Billets verkauft, sagte, so Etwas wäre noch nie dagewesen. Agnes und ich wurden mit Glückwünschen förmlich überschüttet, worauf Agnes sehr stolz war.

Dein Mutterherz hätte geblüht vor Freude, liebste Mama; schade, daß Du nicht dabei warst.

Vorige Woche erfreute ichc mich außer dieser allgemeinen Bewunderung auch einer ganz speciellen Verehrung der wunderbarsten Art. Es war nämlich || zum Besuch hier die einzige Tochter des berühmten Dichters Rückertd. Weiß der liebe Himmel, was das arme Mädchen Alles von mir gehört hatte! Kurz sie war schon seit Jahren, ohne mich je gesehen zu haben, schwärmerisch für mich eingenommen, und als sie mich nun wirklich sah und sprach, war sie so außer sich, daß ich sie beinah bedauerte. Agnes und ich haben uns aber nachher königlich darüber amüsirt. Da sie übrigens bereits gegen 40 Jahr alt ist, hatte Agnes glücklicher Weise gar keine Angst. Das sind schöne Geschichten. Nicht wahr?

Ich schließe, da ich als Präsident der physikalisch-medicinischen Gesellschaft sogleich in die Sitzung muß. Herzlichste Grüße an Papa und die Tanten, an Tante Weiß etc. Wir sind beide sehr munter und vergnügt.

Dein treuer Ernst

a späterer egh. Vermerk Haeckels: 1.; b gestr.: Obgle; c gestr.: wurde; eingef.: erfreute ich; d späterer egh. Vermerk Haeckels: Marie

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
24-01-1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 38706
ID
38706