Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Jena, 30. Dezember 1887

Jena 30. Decb 87.

Liebste Mutter!

Wie Du durch meinen Brief aus Heidelberg bereits weißt, wurde diesmal unsere Weihnachtsfreude plötzlich unterbrochen durch die Nachricht, daß am Sonntag (den I. Weihnachts-Feiertag) früh Graf Bose in Baden, mein alter Gönner und Freund, gestorben sei. Ich erhielt das Telegramm von Dr. Hertzog (seinem Anwalt) am Sonntag Abend, telegraphirte sofort, daß ich kommen werde, packte noch Abends mein Handköfferchen und fuhr Montag früh 9 Uhr ab bei -8° Kälte und tiefem Schnee. Doch waren die Eisenbahnen glücklicherweise frei gekehrt. || Montag Nachmittag 4 Uhr war ich in Frankfurt (– mit 4tägigem Retourbillet für 31 Mark); Abends 7 Uhr in Heidelberg. Durch telegraphische Anfrage von dort erfuhr ich, daß das Begräbniß erst Mittwoch früh sei, und blieb daher bis zum folgenden Mittag bei Gegenbaur’s die sehr herzlich waren. Es geht der Frau G. jetzt wieder verhältnißmäßig gut. Wir plauderten und gründlich aus. Dienstag (27.) Mittag 3 Uhr fuhr ich aus Heidelberg und war um 6 Uhr in Baden, wo ich im Hôtel de Hollande abstieg, um mit Dr. Hertzog und mit den beiden Neffen des || Grafen Bose (Baron Staël aus Kurland und Baron Fabrice aus Dresden) zusammen zu sein. Mit letzteren plauderten wir lebhaft bis nach Mitternacht. Nacher war ich noch eine Stunde bei der Schwester des Grafen Bose, Baronin Staël-Hollstein, einer sehr liebenswürdigen alten Dame. Da der Graf sich ausdrücklich ein stilles Begräbniß bestimmt und die Begleitung von Geistlichen verboten hatte, mußte ich auf dringendes Verlangen der Familie die Aufgabe übernehmen, am Grabe eine kurze Rede zu halten. Wie ich nacher hörte, habe ich diese schwierige Aufgabe besser gelöst, als ich gedacht hätte. || Mittwoch früh war in Baden ununterbrochen dichtes Schnee-Gestöber, das bis Mittag anhielt. Um 10 Uhr bewegte sich der lange Leichenzug (mit einigen 30 Wagen) von der Villa des Grafen (wo ich früher übernachtet hatte) nach dem ½ Stunde entfernten Friedhof von Lichtenthal. Der Graf wurde hier neben seiner Gemahlin (unter einem schönen Marmor-Denkmal mit den Porträts beider Gatten) beigesetzt. Nach einem schönen Musik-Stück (von der Bade-Capelle gespielt) hielt ich meine Rede; drauf sprach auch Dr. Schmidt aus Frankfurt, dann wieder Musik; um 11 Uhr war die Feier zu Ende. ||

Baden 28. Dec 87. II.

Vom Grabe des Grafen Bose fuhr ich um 11 Uhr zu seiner Schwester, mit welcher ich frühstückte. Um 12 Uhr zurück in das Hôtel de Hollande, wo ich für Abendessen, Nachtlager und Frühstück die nette Summe von 31 Mark zu zahlen hatte (ein und dreißig Mark, gerade so viel wie mein Retour-Billet II. Cl. von Jena nach Frankfurt!!) – Noblesse oblige! –

Um 1½ fuhr ich von Baden ab, bis Frankfurt zusammen mit Dr. Hertzog (dem Frankfurter Notar), sowie Dr. Schmidt und Dr. Noll aus Frankfurt. || Dr. Hertzog theilte mir mit, daß Graf Bose der Universität Jena fünfzig Tausend MK vermacht habe. Über die jährlichen Zinsen derselben (etwa 1500 Mk bei 3%) habe ich allein zeitlebens freie Verfügung, nachher die Regierung! – Die braven Jenenser werden wieder die Köpfe schütteln! Und der liebe Senat (– den ich niemals mehr besuche! –) wird diese neue Schenkung mit süßsaurer Miene aufnehmen. – || Mittwocha (28./12) Abends 7½ Uhr war ich in Wiesbaden und eilte sofort zu meiner lieben Herzens-Lisbeth. Zur Vorsicht hatte ich die Pensions-Mutter (Fräulein Bernhardt, Capellen-Str 32) benachrichtigt; das war auch sehr gut, da Lisi sonst in’s Theater gegangen wäre. Sie war den ganzen Nachmittag höchst neugierig, wer wohl der fremde, – „nicht von Jena kommende“ – Besuch sein könne, und hatte gemeint, „das dumme Geschöpf hätte sich einen passenderen Tag aussuchen können; sie hätte Lohengrin so gern gesehen“! || Bis 11 Uhr saß ich mit der lieben Tochter, die reizend frisch und munter ist, und in der Pension, als Nr. I., das höchste Lob erhält, fröhlich glänzend im Hôtel Dahlheim, wo ich übernachtete; dann brachte ich sie in die Pension zurück. Am anderen Morgen um 7 Uhr war ich schon wieder dort und machte mit ihr einen schönen Spaziergang von 2 Stunden (bei -8° Kälte in tiefem Schnee). Um 10½ (Donnerstag 29. Dec) fuhr ich von Wiesbaden wieder ab, war um 11½ in Frankfurt und Abends 8½ Uhr glücklich hier. Die Fahrt war sehr schön winterlich, alles tief beschneit und in der Sonne glitzernd. In 4 Tagen also Viel geleistet!

Mit herzlichsten Grüßen

Dein treuer Ernst Hkl

b Die besten Wünsche zum neuen Jahr, 1888 verstehen sich von selbst.

a korr. aus: Montag; b weiter am Rand v. S. 1

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
30-12-1887
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Potsdam
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38684
ID
38684