Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Smyrna, 5. April 1873

Smyrna 5 April 73

Liebste Mutter!

Der heute nach Triest abgehende Lloyd-Dampfer soll Dir meinen herzlichsten Gruß aus der Hauptstadt Klein-Asiens bringen in der ich gestern Nachmittag 4 Uhr nach 3 tägiger Seefahrt von Alexandrien glücklich angelangt bin. Bisher ist meine ganze Reise überaus glücklich und in jeder Beziehung reich an herrlichsten Genüssen und Belehrungen gewesen. Die acht Tage in dem wunderbaren Cairo, die 4 Tage auf dem rothen Meere und in Tor werden mir unvergeßlich sein, besonders die Korallen-Fischerei in letzterem. 12 Kisten Korallen habe ich von Suez nach Jena geschickt. ||

Du wirst inzwischen den Bericht über die Tor-Expedition durch Agnes erhalten haben. Der Vice-König von Egypten, dessen Gäste wir 8 Tage lang in Suez und auf dem Khartoum waren, ließ uns wie Fürsten behandeln. Mittag und Abends Champagner, ein Haufen von Arabern zur Bedienung, die Gouverneure von Suez etc zu unseren Diensten. Die österreichischen General-Consuln und Consuln überall in der liebenswürdigsten Weise bemüht, mir meine Reise angenehm zu machen und meinen Zwecken behülflich zu sein. Herrn v. Cischini in Cairo verdanke ich die Tor-Expedition. ||

Als ich gestern (Freitag 4 April) Nachmittags 4 Uhr hier in Smyrna anlangte, kam sogleich der österreich. General-Consul Herr v. Scherzer (ein höchst ausgezeichneter und wissenschaftlich gebildeter Mann, der mir auch die Empfehlungen für a Cairo und Alexandrien nach Jena schickte) selbst an Bord des Schiffes, um mich abzuholen; und lud mich in der liebenswürdigsten Weise ein, bei ihm zu wohnen. So bin ich denn hier herrlich in dem schönen Consulats-Gebäude einquartiert, vor meinem Fenster ein prächtiger Garten mit Orangen, b Citronen und Pampelmusen, welche jetzt reiche Blüthen und Früchte zugleich tragen. ||

Ich bleibe 8 Tage hier. Mein Freund Strasburger geht schon heute nach Constantinopel, um in 14 Tagen nach Jena zurückzukehren. Ich werde erst in 8 Tagen (wahrscheinlich über Athen) nach Constantinopel gehen und dort 14 Tage bleiben (bis 2 Mai etwa). Dann die Donau hinauf nach Wien. Am 10 oder 11. Mai denke ich in Jena zu sein. Briefe nach Constantinopel schickt unter der Adresse: Consulat Allemand. Ihr müßt sie spätestens bis 24. April abschicken. –

Hoffentlich geht es Euch Allen Lieben gut. Ich bin sehr wohl und munter. An Carl, Clara und die Kinder herzlichste Grüße.

Dein treuer Ernst.

a gestr.: Suez; b gestr.: und

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-04-1873
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38662
ID
38662