Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Jena, 8. Februar 1872

Jena 8 Febr 72

Liebste Mutter!

Ich hatte eine so unruhige Woche, daß ich Dir erst heute schreiben kann. Bei uns geht es endlich wieder besser. Agnes ist heute zum ersten Male wieder aufgestanden, nachdem sie 3 Wochen an heftiger Grippe zu Bett gelegen. Auch die beiden Kinder sind wieder munter, und Walter gestern zum ersten Mal wieder ausgegangen. Ich selbst bin wieder ruhig, und froh, daß die Straßburger Berufung und die damit verbundene Aufregung jetzt glücklich a vorüber ist. Es ist rascher gegangen, als mit der Berufung nach Wien! || Ich hoffe, liebste Mutter, Du wirst Dich jetzt auch darüber beruhigt haben, daß ich hier geblieben bin. Du mußt nur bedenken, daß ich zunächst für Alles Gute, was ich hier aufgebe, eine ganz ungewisse Zukunft eingetauscht und jedenfalls ein paar Lebensjahre mit der neuen Einrichtung verloren hätte. Für immer hätte ich doch nicht in Straßburg bleiben können. Und daß ich immer hier sitzen bleibe, ist auch nicht zu fürchten. So alt und verbraucht bin ich doch noch nicht. ||

Die Studenten haben mir vorgestern (Dienstag) einen Fackelzug gebracht und durch eine Deputation ihren Dank ausgesprochen, daß ich hier geblieben bin. Nachher habe ich, mit Gegenbaur zusammen mit ihnen noch gekneipt. Karlchen war auch mit dabei.

Gegenbaur ist jetzt auch über seine Ablehnung ganz beruhigt, und froh, hier weiter arbeiten zu können.

– Wie geht es in Potsdam? Ist Heinrich Sethe wieder hergestellt? Ihr werdet wieder rechte Sorgen gehabt haben! Hier ist auch viel Krankheit. Otto Huschke lag 8 Tage hier an einem Furunkel, ist aber wieder munter.

– Agnes grüßt herzlichst.

Wie immer Dein treuer Ernst

a gestr.: wieder

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
08-02-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38634
ID
38634