Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Jena, 14. März 1866

Jena 14. 3. 66.

Liebste Mutter!

Dein eben erhaltener Brief, wonach Du gefallen bist und Dir die Hand verletzt hast, hat mich sehr erschreckt, und ich möchte bald wissen, ob es besser geht. Wenn Du es sehr wünschst, komme ich gleich; ich kann aber in diesem Falle nur wenige Tage in Berlin bleiben, da ich gar zu viel nothwendigste Arbeit Hier habe, die ich wegen der nothwendigen Vollendung meines Buches nicht aufschieben und auch nicht (wegen der dazu nöthigen Bücher und Instrumente) in Berlin machen kann. Ich denke also, es ist besser, ich komme Palmsonntag und bleibe dann 2-3 Wochen, als daß ich jetzt komme und nur wenige Tage bleibe. Ich bitte aber Vater, mir zu schreiben, ob ich lieber jetzt kommen soll, und wie es Dir geht? ||

Vorigen Freitag (9/3) habe ich meine Vorlesungen geschlossen. In dem Publicum über Darwin waren fast alle Plätze besetzt (170) und nachdem ich von meinen Zuhörern dankend Abschied genommen, und durch das lange Auditorium herausging, fing die ganze Gesellschaft aus Leibeskräften an ina die Hände zu klatschen und Bravo zu rufen. b Da das sonst Hier nicht vorkommt, hat es allgemeines Aufsehen erregt, und natürlich auch viel Neid. –

So viel aber ist sicher, daß ich sowohl Darwin als mir selbst durch diese Vorlesungen sehr viel eifrige Freunde und Gönner erworben habe. Viele kamen noch dieser Tage zu mir, um mir persönlich zu danken. –

Hoffentlich hörec ich bald durch Vater Besseres von Dir, liebste Mutter. Herzlichen Gruß und gute Besserung

Dein Ernst.

a korr. aus: zu; b gestr.: was; c korr. aus: hört;

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
14-03-1866
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38590
ID
38590