Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 5. März 1866

Jena 5. 3. 66.

Liebste Eltern!

Herzlichen Dank für eure lieben Briefe, die mich durch die guten Nachrichten von euch und den lieben Landsbergern sehr erfreut haben. Ich bin sehr froh, daß Mimmi wieder ganz wohl ist, da ich nach den letzten Nachrichten von ihrem Unwohlsein mich sehr geängstigt hatte.

Von mir ist nicht viel Besonders zu melden, außer daß ich so angestrengt arbeite, wie es nur irgend geht. Sonst werde ich mit dem Buche nicht fertig. Ich stehe früh um 4 Uhr auf, bringe mich durch einen Kaltwassersturz zur Besinnung und arbeite dann bis 6 Uhr Abends, mit nur einer Stunde Unterbrechung von 11-12, wo ich Thee frühstücke und dann ein wenig in die Luft gehe. Um 6 Uhr esse ich ordentlich und bin dann so marode, daß ich nur noch 1 Stunde mit Gegenbaur spazieren gehe, worauf ich mich bei Dunkelwerden ins Bett lege. ||

Mit dem Manuscript fleckts auf diese Weise gehörig. Ich habe neulich in einer Woche (wo ich vona keinem Menschen gestört wurde) drei Druckbogen geschrieben, wohl das Stärkste, was möglich ist (allerdings eine Sache, die ich schon längst im Kopfe fertig hatte). Jetzt werde ich durch die Vorlesungen etwas gestört, welche ich abends von 5-7 halte. Sie sind sehr gut besucht; im mikroskopischen Cursus (Privatissime) habe ich 18 Zuhörer, so daß die Mikroskope kaum ausreichen. In der Palaeontologie habe ich auch über 20 Zuhörer, so daß ich sehr zufrieden bin. In dem schönen Frühling bin ich bei dieser Arbeitshetze noch gar nicht hinausgekommen, werde jedoch von nächster Woche an aber regelmäßiger mir Bewegung zu machen suchen.

Meine getreuen Schüler sind alle wieder da. Der russische Fürst v. Miklucho ist wieder gesund, und jetzt mein eifriger und sehr brauchbarer Assistent. Das ist doch vornehme Bedienung? Nicht wahr?

[Briefschluss fehlt.]

a eingef.: von;

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
05-03-1866
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38588
ID
38588