Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 28. Oktober 1864

Jena 28. 10./64.

Liebe Eltern!

Zu meiner großen Freude habe ich aus euren beiden letzten Briefen ersehen, daß Deine Besserung, lieber Vater, wenn auch langsam, doch allmählig fortschreitet. Habe nur Geduld, es wird gewiß wieder ganz gut werden und du wirst die rheumatischen Schmerzen wieder ganz los werden. Besonders freut es mich daß die Nächte besser sind, und daß Du doch länger wieder schlafen kannst. Das ist zur Erholung eine Hauptsache. Ferner bitte ich Dich aber, Dich in den verschiedenen Bewegungen ja recht selbstthätig zu üben, weil die alten Gelenke ohne rechte Übung sehr rasch steif werden.

Daß es in Landsberg auch so gut geht, freut mich recht sehr und ich wünsche von Herzen, daß die ganze kleine Schaar so munter bleibt. Wenn ihr schreibt, grüßt sie recht schön. ||

Meine Tageseintheilung für diesen harten, schweren Winter und die Angewöhnung an die einsame halbe Existenz beginnen nun allmählich sich festzustellen. Ich stehe Morgens um 7 U. auf, arbeite bis 12 Uhr, lese von 12-1 Uhr mein Colleg (2 mal in der Woche auch von 8-9 Uhr), und esse um 1 Uhr zu Mittag, häufig bei Gegenbaur und Hildebrandts. Nachmittag gehe ich gewöhnlich 1 Stunde spazieren oder turne etwas. Dann kommt die Hauptarbeitszeit, welche uma 4 Uhr Nachmittags beginnt und, mit Unterbrechung einer einsamen stillen Theestunde (von 8-9 Uhr) gewöhnlich bis nach Mitternacht, auch wohl über 1 Uhr hinaus dauert. Das Schwerste an meinem Buche, der Anfang, ist nun fertig, und ich hoffe, es soll so flott weiter geschrieben werden und mir möglichst über die bittere Vereinsamung dieses Winters forthelfen. Aus gehe ich Abends niemals. Körperlich befinde ich mich wohl. Bertha pflegt mich sehr sorgsam.

Hoffentlich höre ich bald wieder recht Gutes von euch. Mit herzlichstem Gruß

Euer treuer Ernst.

b Bertha fragt ob der Johannisbeer Wein fest verschlossen im Keller liegen bleiben soll?

P.S.

28.10.64.

Über die Würzburger Frage habe ich in den letzten 5c Tagen von 3 verschiedenen Seiten directe und zwar ganz übereinstimmende Nachricht erhalten. Ich bin allerdings für die ordentliche Professur der Zoologie erst in zweiter Stelle vorgeschlagen, mein Lehrer, Professor Leydig in Tübingen, an erster Stelle. Der letztere hat aber aus persönlichen d und localen Gründen sehr wenig Aussicht, so daß ich wahrscheinlich in wenigen Wochen an dem Scheidewege zwischen Würzburg und Jena stehen werde. Doch kann sich die Verhandlung auch noch ein paar Monate hinausziehen. || Komischer Weise hat sich jetzt bereits hier ein junger Zoologe als Nachfolger für meine hiesige Stelle gemeldet.

‒ Gegenbaure ist nun auch etwas mehr wieder eingelebt. Seinem Kinde, an dem er mit der größten Zärtlichkeit hängt, geht es gut.

Frau Seebeck ist jetzt in Berlin.

Wir haben hier seit 4 Tagen merkwürdig warmes Wetter, so daß wir wieder zu heizen aufgehört haben.

Claparéde hat mir aus Genf einen jungen Naturforscher, Mr. Fol, hierherf hergeschickt, der bei mir arbeiten soll.

Bitte theilt Frau Weiss diesen Brief mit. Grüßt die Tanten etc bestens.

a korr. aus: von; b weiter am Rand v. S. 1; c korr. aus: 3; d gestr.: Gr; e korr. aus: Gegenbaurs; f eingef.: her.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
28-10-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38580
ID
38580