Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Genf, 3. März 1864

Genf Donnerstaga 3. März

Abend. 1864.

Liebste Eltern!

Da sitze ich nun wieder einsam und allein in der Fremde, ohne die süße Hoffnung, wieder in die Arme der Liebsten zurückzukehren; wie alt und abgestorben komme ich mir vor! Ich versuche mich vergeblich in die Zeit vor 8 Jahren zurückzuversetzen, wo ich auch hier in Genf im kleinen Dachstübchen eines großen Hôtels saß, aber jugendlustig in die Welt hinauswanderte und das unvergleichliche Glück der Liebe noch nicht kannte. Vergeblich versuche ich das neue Leben, das sich jetzt beginnen muß, wieder an jene frühere Periode anzuknüpfen. Damals galt mir die Wissenschaft und der Naturgenuß noch Alles – aber was können sie mir jetzt für mein verlorenes Paradies geben? Ach liebste Eltern! Alles, Alles ist für mich todt und leer, öde und nüchtern! Sie ist ja nicht mehr, auf die sich Alles bezog, durch die Alles erst Leben und Farbe erhielt! ||

So entsetzlich jäh und schroff ist die furchtbare Katastrophe vom 16. Februar hereingebrochen, daß es immer noch Minuten gibt, in denen ich die Wirklichkeit der Thatsache nicht denken, nicht fassen kann! Und wenn ich sie dann doch fassen, doch anerkennen muß, dann geht ein Schnitt durch die ganze Seele, durch das ganze Denken, daß ich immer meine, ich könnte es nicht ertragen. Und doch muß es ertragen werden, und doch muß ich mich finden lernen. Wie? wird wohl die Zeit lehren!

‒ Wenn der alte Spruch wahr wäre: „Solamen miseris socios habere malorum“ so müßte ich euch von viel Trost schreiben können, soviel Elend und Jammer hat mich auf meiner Reise bisher begleitet. So eben komme ich von meinem armen trefflichen Freunde Claparéde, welcher nun schon seit 2 Jahren so elend ist, daß er wohl jede Woche seinen Tod erwartet. Seit 4 Wochen scheint es allerdings schneller dem Ende sich zuzuneigen. Er ist entsetzlich abgemagert, gänzlich kraftlos und fiebert dabei beständig. Das ist auch entsetzlich, so ganz langsam einem jammervollen Ende entgegen zu siechen. ||

Die arme kleine Frau, die bald mit ihren beiden Kinderchen (das kleinste ist noch kein Jahr alt) auch alleine stehen wird! Die Frau ist sehr schön und liebenswürdig und scheint den armen Freund fast ebenso glücklich gemacht zu haben, wie mich meine Änni. Geistig fand ich ihn noch sehr unverändert, voll Lebendigkeit und Interesse für die Wissenschaft und für seine alten Freunde. Er läßt euch recht herzlich grüßen. Ich mußte ihm von euch und Berlin viel erzählen. Der Austausch des eigenenb Unglücks und der gemeinsame Rückblick auf das viele Unglück unserer Freunde stimmte und sehr wehmüthig, hatte aber doch auch viel Tröstliches oder wenigstens Ausgleichendes. Auch unterwegs mußte ich viel Elend mit ansehen. Von Apolda bis Frankfurt fuhr ich zusammen mit einer jungen Wittwe, welche ihren einzigen Sohn, der schon fast im Sterben lag, nach Wiesbaden brachte. Mindestens 8 oder 10 mal unterwegs mußte der arme Mensch Blut speien. Dabei war die arme Frau selbst so schwach, daß sie aus einer Ohnmacht in die andere fiel. Ihr Bruder mußte sie deshalb begleiten. || Der in Jena in die Korbflasche gefüllte Weinrest mußte ihr ein paar Mal aufhelfen. Die Fahrt von Apolda bis Frankfurt (von 1- ½ 11 Uhr) verging mir bei den traurigen Bildern, die mich erfüllten und die nur durch die lieben Erinnerungen der glückseligen Vergangenheit unterbrochenc wurden, sehr rasch. In Frankfurt ging ichd in dase dem Bahnhof nahe Hôtel Becke, wo ich f eine der schrecklichsten Nächte meines Lebens durchmachte. Zum Schlafe kam es fast gar nicht. Zum ersten Mal lastete das entsetzliche Gefühl der Vereinsamung ganz und gar auf meiner Seele ohne daß ich euch, liebe Eltern, oder andern lieben Freunden mittheilen konnte. Immer und immer wieder wollte ich mich bezwingen, und rang doch ganz vergeblich nach Ruhe und Fassung. Ach wie langsam schlugen da die Viertelstunden. Könnte das gewaltsamste Ringen der tiefsten Sehnsucht unsere lieben Entschlafenen zurückrufen, meine Anna wäre gewiß gekommen! Nie werde ich die Schrecken dieser furchtbaren langen Nacht vergessen, hoffentlich die erste und letzte der Art! Ach wie habe ich da nach dem Troste des Schlafes vergebens gesucht! ||

II.

Am Morgen des I März (Dienstag) fuhr ich um 6 Uhr von Frankfurt nach Heidelberg, wo ich um 9 Uhr ankam. Diese ganze Zeit fast schlief ich und erholte mich sehr von der Ermattung der schlaflosen Nacht.

Vormittag besuchte ich Helmholtz (Physiologen) Bunsen (Chemiker) und Pagenstecher (Zoologen) und wurde von allen 3 sehr freundlich aufgenommen. Mittag aß ich im Hôtel Schrieder, wo ich abgestiegen war mit Bunsen zusammen. Nachmittag durchsah ich mit meinem Specialcollegen Pagenstecher die zoologische Sammlung, die in den prächtigen Neubauten sehr schön aufgestellt ist. Dann ging ich mit ihm bei sehr trübem Nebelwetter auf das Schloß. Um 5 Uhr besuchte mich Helmholtz, mit dem ich noch 1 Stunde plauderte, ein höchst bedeutender und geistvoller Mann. Dann ging ich allein noch in der Dunkelheit am Neckar wohl über 1 Stunde spazieren und suchte vergebens an dem wolkenbedeckteng Himmel nach Sternen und Grüßen von meiner Änni. Um 8 U. ging ich zu Prof. Pagenstecher und plauderte mit ihm und seiner Frau noch ein paar Stunden. Vorm Jahr waren sie in Nizza gewesen. ||

Mittwoch II März fuhr ich um 9 Uhr aus Heidelberg ab, in einem Zuge bis Bernh durch, wo ich Abends um 10 Uhr ankam. Um 3 U. berührten wir Freiburg, um 5 Uhr Basel. Omnibus fährt hier von einem Bahnhof zum andern. Sehr bequem nimmt man das Billet in Heidelberg gleich bis Bern. Der ganze Tag war äußerst düster, wie meine Stimmung, neblig und regnig. So trost- und hoffnungslos war ich noch nie aus Deutschland geschieden. Von Carlsruh bis Basel fuhr ich mit ein paar netten alten Bauersleuten, die auch eine schwere Fahrt gehabt hatten. Sie kamen von der Beerdigung ihres einzigen erwachsenen Sohnes. Die Schweiz betrat ich beim düstersten Regen und Sturmwetter. Auch die grauen Rheinfluten, die Treibeis führten und sehr angeschwollen waren, sahen sehr wild und traurig aus. Die Schweizerberge sind meist noch bis tief herunter mit Schnee bedeckt.

‒ Die Waggons werden auch III Classe in der Schweiz geheizt. So froren wir wenig, obgleich draußen die rauheste Winternacht tobte. In Bern stieg ich nahe dem Bahnhof in dem sehr behaglichen „Schweizerhofe“ ab. Diese Nacht schlief ich sehr tief und ruhig. ||

Donnerstag III. März wachte ich nach dieser guten Nacht sehr gestärkt auf und fühlte zum ersten Male auf der Reise wieder den alten kräftigen Cadaver. Von 8-11 Uhr wanderte ich in der interessanten alten Stadt umher und auf den hohen Wällen und Schanzen die sie rings umgeben und die wundervolle Aussichtspunkte auf die Alpen in Menge bieten. Höchst überrascht wurde ich durch den Anblick des Berner Oberlandes mit seiner langen Kette wunderschöner Schneehörner, als ich von dem neuerbauten prachtvollen Bundespalast plötzlich auf die freie Terrasse vor demselben hinaustrat. Obgleich der Himmel ganz wolkenbedeckt war und keinen Sonnenstrahl durchließ, so war die Luft doch sehr rein und die schlanken Eisberge mit ihren Einzelheiten, den nackten Felsen und den schwarzen Nadelwäldern, traten sehr scharf hervor. Nur die Farben fehlten ganz an der schwarzweißen Zeichnung. Ebenso präsentirten sich mehr in der Nähe die Berner, Waadtländer und Walliser Alpen, und zuletzt die Savoyer Alpen jenseits des Genfer Sees, während ich von Bern in 7 Stunden auf der wundervollen neuen Eisenbahn (reich an Viaducten, Brücken, Ansichten) über Freiburg, Romont und Lausanne, Morgens hierher fuhr. Um 11 Uhr aus Bern, um 6 U. hier. Ich logire hier ganz gut im Hôtel de la Porte. Bis 9 Uhr war ich eben bei Claparéde. ||

Freitag 4 März. Ich kann nun dem gestrigen Briefe noch hinzufügen, daß ich sehr ruhig geschlafen habe, was nach den starken Strapatzen der letzten Tage auch sehr nöthig war. Ich werde wohl auch noch morgen hierbleiben und Sonntag 6 März über den Mont Cenis nach Turin gehen. Dort bleibe ich 2-3 Tage. Habt ihr Eiliges mitzutheilen, so schreibt nach Turin unter der Adresse

Al Signore Filippo de Filippi

Professore all‘ Universita di

Torino (Turin)

Sonst schreibt nach Genua poste restante, aber den Namen Haeckel (besonders H) sehr deutlich. – Bitte, liebe Mutter, bestelle baldigst beim Photographen Graff (Jerusalemerstraße), den ich (Herrn Bär und Hoffmann) persönlich kenne und zu grüßen bitte, 10 Abdrücke von der sehr guten älteren Photographie von Anna, wie sie in der i Wohnstube hing, das Gesicht halb nach links gewendet, das Buch auf dem Schoß in der Hand. Ferner 3 Dutzend von der kleinen Visitenkarten- Photographie, wo Anna in ganzer Figur über das Geländer schaut. Von beiden Bildern soll Graff die negativen Platten aufbewahren, damit später noch Bilder nachgeliefert werden können.

j Gott behüte euch, liebe Eltern, und gebe mir Ruhe, Fassung und Kraft, das Schwerste zu tragen.

k Grüßt die Freunde und Verwandten und schickt den Brief auch an Mutter Minchen.

a korr. aus: Mittwoch; b korr. aus: gegen; c eingef.: wurden; d eingef.: ging ich; e korr. aus: den; f gestr.: ein; g korr. aus: wolkenbeh; h korr. aus: Basel; i gestr.: Ei; j weiter am Rand v. S. 8; k weiter am Rand v. S. 5.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
03-03-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38570
ID
38570