Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 11. November 1865

Jena 11/11 65.

Liebste Eltern!

Von Tag zu Tag hoffte ich einmal Nachricht von Euch zu erhalten, und bin nun recht besorgt, ob etwa einer von Euch krank ist, da ihr gar nicht schreibt.

Bitte laßt bald einmal etwas von Euch hören. Ihr habt doch meinen, vor mehr als 14 Tagen abgeschickten Brief richtig erhalten?

‒ Die ersten 3 Wochen des Wintersemesters sind nun glücklich vorüber und ich habe mich wieder so ziemlich in meiner Einsamkeit eingelebt. Diese erste Zeit ist immer besonders schwer und es giebt dabei sehr viel Schmerzliches und Schweres zu überwinden. Nun bin ich aber glücklich wieder in Gang, habe sehr viel Arbeit und wenig Zeit, meinen düstern Gedanken nachzuhängen. Übrigens ist mir Diesmal der Anfang doch leichter geworden, als die beiden letzten Male. Die Reise, und namentlich das wilde Seeleben, haben mich körperlich und geistig sehr gekräftigt, und mir neuen Muth zur Arbeit und zum schweren Tragen meines harten Schicksals gemacht. ||

Sehr viel Muth und Kraft habe ich auch aus dem ausnehmenden Glück geschöpft, das ich in diesem Semester mit meinen Vorlesungen habe. Denkt euch einmal, daß es die besuchtesten von Allen sind! Was sagt ihr dazu? Außer einem zoologischen Privatissimum, in welchem ich einige Leute, die sich specieller mit Zoologie beschäftigen, bei mir arbeiten lasse, lese ich in diesem Winter 2 Vorlesungen, über Zoologie und über Darwins Theorie. Die Zoologie, welche ich 5 mal wöchentlich lese, ist stärker besucht denn jemals! Im vorigen Winter hatte ich in der Zoologie nur 15, im vorvorigen 26, diesmal aber 35! Das ganze Auditorium (das ihr ja kennt), ist voll, und da auf den 5 Bänken eigentlich nur 25 sitzen können, so habe ich noch 2 Tische mit 10 Stühlen hinein setzen lassen müssen. Und dabei sind die Leute alle so eifrig und fleißig, wie ich sie noch nie gehabt habe, so daß ich mich auch mehr zusammennehme, als jemals, und mir die Vorlesung wirklich sehr viel Freude macht. Noch weit glänzender ist aber die Vorlesung über Darwins Theorie ausgefallen! || Da ich schon auf 40-50 im Voraus rechnete, so beschloß ich zum ersten Male in dem neuen Universitäts- Gebäude zu lesen (während ich sonst immer nur entweder auf der Anatomie oder im Schloß (im zoologischen Hörsaal) gelesen hatte.) Als nun die bestimmte Stunde kam, wo ich meine Vorlesung beginnen sollte, fand sich schon eine Viertelstunde vorher, daß das gewählte Auditorium, mit 60 Plätzen, viel zu klein war. Der Farmulus zog daher in eines der größeren, mit 80 Plätzen. Aber auch Dies war lange nicht ausreichend. So zog denn die ganze Gesellschaft in choro in das größte Auditorium, welches es Hier giebt, in Nm IV, in welchem nur zwei Docenten, die beiden am meisten besuchten, lesen, nämlich Cuno Fischer über Geschichte der Philosophie, und Adolph Schmidt über neuere Geschichte. Dieses Auditorium hat einhundert und siebzig Plätze. Dies wurde nun allerdings in meinera ersten Vorlesung nur zu etwa 2/3 oder 3/4 voll, so daß etwa 110-120 Zuhörer da waren. Beim zweiten Male war es aber bereits fast ganz voll, höchstens 15-20 Plätze leer, so daß wohl über 150 Zuhörer da waren, und so voll ist es denn glücklich seitdem geblieben. ||

Ihr könnt Euch denken, welches Aufsehen b dieser, für einen so jungen Docenten, wie ich noch bin, jedenfalls sehr seltene Erfolg hier macht. Die Vorlesungen über Darwins Theorie sind Allgemeines Stadtgespräch und Gegenstand alles Gesellschafts- Klatsches. Natürlich ist alles in 2 Parteien gespalten. Viele von meinen älteren Collegen, namentlich die Theologen, sind wüthend, und wünschen mich gewiß mehrmals täglich zur Hölle. Der Kirchenrath Schwarz, dem ich neulich begegnete, grüßte mich kaum mehr. Andererseits sind meine Freunde, derer ich doch hier Viele habe, und namentlich viele von den jüngeren Privatdocenten (von denen auch mehrere die Vorlesung besuchen), über mein Glück hocherfreut, welches sowohl mir selbst, als namentlich der Sache sehr zu Statten kömmt. Mein guter Gegenbaur vergoß, als er zuerst davon hörte, Freudenthränen und küßte mich auf das Herzlichste ab. Auf mich selbst hat dieser Erfolg denn auch eine nicht geringe Wirkung gehabt und ich kann nicht leugnen, daß ich an Selbstgefühl, Muth und Festigkeit, besonders aber an Entschiedenheit und Kraft, wesentlich gewonnen habe. Natürlich gebe ich mir mit den so dankbaren Vorlesungen die größte Mühe, trage ganz frei vor, und lasse selbst das Blättchen weg, auf dem ich früher meistens den Gedankengang notirte. ||

c II.

Kuno Fischer, der sonst am meisten besuchte Docent, ist gegenwärtig mit dem jungen Großherzog in Italien und bleibt den Winter über fort. Es ist also nicht zu fürchten, daß er aus Ärger über den jungen Nebenbuhler und aus Eifersucht über seinen Ruhm krank wird. Die nächst den meinigen am meisten besuchten Vorlesungen sind von Adolph Schmidt über neuere Geschichte, und von Hase über Kirchengeschichte. Es sind aber auch in diesen nur 80-90 Zuhörer, noch nicht einmal hundert, so daß ich sie immer noch um mehr als ein Drittel überflügle. Wie mich mein colossaler Erfolg für die Sache freut, der ich von ganzem Herzen diene, für die Theorie, deren Durchführung ich mein ganzes Leben gewidmet habe, kann ich Euch gar nicht sagen; und ich befinde mich in dieser Beziehung in einer so gehobenen Stimmung, daß sie mir über sehr viel Schweres hinweghilft. Auch meinem Darwin- Buch, an welchem ich jetzt wieder eifrig schreibe, kommt dieser neue Aufschwung sehr zu statten. Ich werde jedenfalls das neue Manuskript zu Weihnachten fertig mitbringen. Bitte dies gelegentlich an Georg Reimer d mitzutheilen. Der größte Lohn meiner Anstrengungen liegt für mich in der Aufmerksamkeit und Theilnahme meiner 150 Zuhörer, die in der That Nichts zu wünschen übrig läßt. Trotz der großen Masse ist es die ganze Stunde über so still, daß ich nur das Gekritzelt der nachschreibenden Federn höre. ||

Von meinem übrigen Leben ist wenig zu sagen. Gegenbaur sehe ich täglich ½ – 1 Stunde; außerdem 1-2 mal wöchentlich ½ Stunde bei Hildebrandts, bisweilen auch ein Viertelstündchen bei Pringsheim oder bei Schleicher. Abends gehe ich niemals aus. Die ganze Zeit wird theils von den Vorlesungen, theils von dem Darwin- Buche vollständig in Anspruch genommen.

Einmal wöchentlich mache ich mit Gegenbaur einen größeren Spaziergang. Letzterem geht es auch leidlich gut. Wie ich selbst, ist er auch viel ruhiger und fester geworden. Seinem Töchterchen geht es gut. Ebenso Schleichers. Schleicher ist wieder vernünftig geworden und hat seine Verkehrtheit wohl eingesehen. Habe ich Euch denn geschrieben, daß er mit seiner Frau mich Anfang September auf einen Tag in Helgoland besucht hat? –

Eben als ich diesen Brief schließen will, kommt Euer Brief, liebste Eltern, den ich so sehnlichst erwartet habe. Herzlichsten Dank dafür. Ich freue mich sehr, daß es Euch so gut geht! Haltet Euch nur so munter! Geld habe ich bei dem starken Collegien- Besuche überflüssig; ihr braucht also keins zu schicken! Sendet diesen Brief an auch an die Landsberger, die ich herzlichst grüße; ebenso die schönsten Grüße an die lieben Berliner Verwandten und Bekannten, insbesondere an Frau Weiss, die sich gewiß besonders über meinen Erfolg freuen wird.

e Herzlichsten Gruß! Euer treuer Ernst.

a korr. aus: der; b gestr.: hier; c späterer eigh. Vermerk Haeckels: 11./11. 65; d gestr.: zu; e weiter am Rand v. S. 6.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
11-11-1865
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38563
ID
38563