Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Helgoland, 31. August 1865

Helgoland 31. August

1865.

Liebste Eltern!

Ehe Ihr nach Landsberg reist, will ich euch doch eine kurze Skizze meines hiesigen Lebens mittheilen, welches allerdings höchst einförmig und einfach verläuft, und dessen einziger Inhalt die Arbeit ist. Mit dem Arbeitsmaterial (Medusen und Polypen) bin ich bis jetzt recht zufrieden, wenn auch bis jetzt noch keine besondere Entdeckung meine Mühen belohnt hat. Indessen hoffe ich jedenfalls meine Medusen- Kenntnisse in diesem 6 Arbeitswochen hier wesentlich zu bereichern.

– Ich wohne hier äußerst angenehm bei meiner alten Wirthin Frau Claus Stoldt, die mich mit rührender Zärtlichkeit wie ihren Sohn behandelt. Sie hatte (außer 2 noch lebenden Töchtern, von denen die eine hier an Kaufmann Volkart, die andere in Bremerhafen verheirathet ist) nur einena einzigen Sohn, ihr ganzer Stolz, welcher aber im amerikanischen Kriege (bei Gettisburg) gefallen ist. Diesem soll ich nun jetzt zum Verwechseln ähnlich sehen, so daß die arme Mutter, als ich zuerst wieder ins Haus trat, außerordentlich erschüttert wurde, und mich nun mit einer zärtlichen Sorgfalt und Güte behandelt, die mir wirklich rührend ist. (Auch ihr Mann, Claus Stoldt, ist vor einigen Jahren gestorben). Ich habe das beste Zimmer hier im Hause, 2 Treppen hoch, mit freier Aussicht auf die See, aus 3 Fenstern, nach 2 Seiten hin, nach Norden und Osten. ||

[eigh. Grundrissskizze]

Aus dem II und III Fenster habe ich den Blick auf die Düne oder Sandinsel (auf der die Bäder sind). Das Licht ist sehr hell, schön zu Mikroskopiren.

‒ Ich habe nicht weniger als 4 Zoologen hier zur Gesellschaft, nämlich:

I. Anton Dorn aus Stettin (welcher in dem Zimmer neben mir wohnt).

II. Dr. Richard Greef aus Bonn (Privatdocent)

III. Dr. Pietro Marchi aus Florenz (Prosector)

Der vierte, Dr. M. Salverda aus Delft, kommt erst mit dem nächsten Schiff. In der ersten Woche meines hiesigen Aufenthalts kamen dazu noch 3 Berliner Zoologen, Prof. Lieberkühn, Dr. Guido Wagener und Dr. Anton Schneider. Auch 2 Botaniker sind hier, Prof. Cohn aus Breslau und Dr. Magnus aus Berlin. An Naturforschern fehlts also nicht. ||

Unser täglicher Lebenslauf ist sehr einfach. Um 5 Uhr stehe ich auf und frühstücke sogleich. Dann wird meist 1-3 Stunden b aufs Meer gefahren und theils mit dem freien (pelagischen) Netz, theils mit dem Schleppnetz gefischt. (Oft fahren wir auch erst gegen Abend hinaus, je nachdem die Witterung ist, das Meer ruhig oder bewegt.)

Den ganzen Tag über wird bis Abends 6 Uhr gearbeitet, nur eine Mittagspause von 1 ½ - 2 Stunden (12-2 U.) ausgenommen. (Doch gilt diese Continuität mehr für mich, als für die 3 andern, welche dazwischen noch baden, spazieren gehen, Zeitung lesen etc). Ich bade selten auf der Düne (wozu ich als „prakt. Arzt“ eine Freikarte von Dr. v. Aschen erhalten habe), dagegen öfter bei unseren Excursionen, indem ich vom Boot aus ins Meer springe (dies nur gegen Abend). Um 6 Uhr gehen wir in das Oberland hinauf, wo wir bis 7 Uhr in der Kartoffel- Allee (dem einzigen Wege, der durch die baumlosen Kartoffelfelder des Oberlands führt, ½ Stunde von Nord nach Süd) spazieren laufen, und am Nord Cap die Sonne untergehen sehen. (Wald und Berge vermissen wir oft sehr lebhaft). Nach 7 Uhr gehen wir in die Bierkneipe von Janssen, wo wir unser alltägliches Abendbrot (1 Häring mit Pellkartoffeln und 1 Glas Bier für 12 Silbergroschen!) einnehmen. Dort plaudern wir bis 10 Uhr und gehen dann zu Bett. Der Komiker unserer Gesellschaft ist der Italiäner, ein sehr guter Kerl, Ägidi im Wesen und im Äußern sehr ähnlich, der uns sehr viel zu Lachen giebt. ||

Helgoland ist dies Jahr von Fremden- Besuch ganz überfüllt, so zahlreich, wie noch nie. Viele Fremde sind in der ersten Zeit gar nicht untergekommen. Noch mit dem gestrigen Hamburger Schiff sind wieder 70 angekommen, obwohl es heute sehr leer wird. Im Ganzen sind diesen Sommer über 4000 Besucher und über 2500 Badegäste hier gewesen. Die Preise für alles sind dem entsprechend gestiegen, und fast doppelt so hoch, als bei meinem ersten Aufenthalt. Der billigste Preis für 1 Zimmer ist täglich 1 Mark (12 Silbergroschen) (dieses zahle auch ich). Ein ganz einfaches Mittagessen kostet 20-25 Silbergroschen (2 Mark), z. B. ein Teller Suppe 5, ein Beefsteak 12, jedes Stück Fleisch 10 Schilling (4 Schillinge = 3 Silbergroschen). Daß man dabei nicht satt wird, ist natürlich. Dabei sind die Portionen sehr klein, und die Qualität mäßig. Im Ganzen lebt man jetzt hier theurer und schlechter als in der Schweiz. Auch die Schiffer sind sehr theuer. Unter 1 Thaler kann man keine Bootsfahrt machen. Unter uns 4 Zoologen vertheilt sich dies jedoch angemessen. Im Ganzen ist aber die Existenz hier durchaus nicht gemüthlich und wenn nicht das Meer mir hier erwünschte Arbeit genug lieferte, würde ich wo anders hin gehen. Ich werde mit dem letzten Schiff (welches Ende September geht) c nach Bremen reisen. Meine Bremenser Freunde reisen heute ab. Ich soll sie in Bremen besuchen. Mit Strube und seinen Freunden habe ich einige nette Stunden gehabt. Grüßt die Landsberger und die Berliner bestens. Schreibt mir Bald.

Herzl. Gruß euer Ernst.

a eingef.: einen; b gestr.: gef; c gestr.: zum;

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
31-08-1865
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38560
ID
38560