Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Helgoland, 20. August 1865

Helgoland 20. 8. 65

Liebste Eltern!

Meine zweite Reise nach Helgoland ist bis jetzt ganz nach Wunsch verlaufen. Nachdem ich Euch am Montag 14. August, Abends 10 Uhr verlassen und um 11 Uhr aus Berlin abgefahren war, schlief ich die Nacht hindurch im Waggon vortrefflich. Morgens um 5 Uhr waren wir in Hamburg, wo ich mich in Zieggs Hôtel (der Börse gegenüber) einlogirte; demselben Gasthof, wo ich auch bei meinem ersten Besuche (1854) gewesen war. Ich suchte zunächst Dohrn auf, der mich schon seit Sonnabend 12. 8 erwartet hatte. Wir gingen zunächst nach dem zoologischen Museum, welches im Johannaeum liegt und sehr reich an seltenen Thieren, auch sehr gut gehalten ist. Wir trafen dort den Custos, Dr. Möbius, einen sehr eifrigen und tüchtigen Zoologen, mit dem wir nachher auch zu Mittag aßen. Dann machten wir verschiedene Besorgungen, und gingen Nachmittag zu einem der bekanntesten Naturalienhändler, Wessel (am Kehrwieder), wo ich eine Anzahl seltener Fische für Gegenbaur und Korallen für mein Museum einkaufte. Um 6 U. gingen wir nach dem Zoologischen Garten, welcher ausgezeichnet || schön gehalten, großartig eingerichtet, und äußerst reich an seltenen Thieren ist. Das merkwürdigste und interessanteste ist aber das große See- Aquarium, welches eine Fülle der prächtigsten Seethiere in großen Behältern lebend enthält, und seines Gleichen weder auf dem Festland, noch selbst in England findet (Actinien, Krebse, Fische, Schnecken etc.). Der Director Dr. Brehm, sowie die Custoden Möbius und Lloyd führten uns und zeigten uns die ganze Einrichtung.

Mittwoch 16. 8. früh an der Alster und am Hafen umhergewandert. Dann in das Museum Godeffroy, eine äußerst reichhaltige zoologische Privatsammlung, in der uns der Custos Schmelz umherführte. Nachher machten wir auch Herrn Godeffroy selbst, einem der reichsten Hamburger Kaufleute, unsere Aufwartung. Er fühlte sich dadurch sehr geschmeichelt. Um Mittag wieder in das Zoologische Museum. Dann in die Wohnung des Herrn Ad. Meyer (Außen- Alster 24), wo uns Hr. Möbius dessen kleine, aber sehr schön eingerichtete Privat- Aquarien demonstrierte. Von dort im Dampfschiff über die Alster. Dann in den Zoolog. Garten, wo wir den ganzen Nachmittag und Abend zubrachten. Am meisten beschäftigten uns wieder die Aquarien, nächst dem der weibliche Tschimpanse Molly (Troglodytes niger), einer der 3 menschenähnlichsten Affen, der im ganzen Garten mit uns umher spazierte, und vielmehr Verstand und Gemüth, als mancher Mensch, zeigte. ||

Donnerstag 17. a August per Dampfschiff in 10 Stunden von Hamburg nach Helgoland gefahren (von 8 U. Morg. bis 6 U. Ab.) Ziemlich unruhige Fahrt, bei hoher See; viel Seekrank. Wir beide blieben ganz munter und erfreuten uns der schönen Wellen. Ich dachte Viel meiner ersten Seefahrt, vor 11 Jahren, wo die Nordsee noch stürmischer war. Hier wurde ich äußerst freundlich von meiner alten Wirthin Frau Claus Stolt, empfangen und aufgenommen, deren Mann inzwischen gestorben war. b Ich bekam zunächst bei ihr nur ein provisorisches Zimmer, welches ich aber morgen mit dem bleibenden vertauschen werde. Inzwischen habe ich gestern schon zu arbeiten angefangen. Helgoland ist dies Jahr ganz überfüllt, so voll wie noch nie. Viele Leute haben gar keine ordentliche Wohnung. Die Preise sind auch sehr gestiegen und die ganze Existenz ist viel ungemüthlicher geworden. Seit 1854 sind eine Menge neuer Häuser und Hôtels, meist von sehr elegant modernem Anstrich, entstanden. Auch von Bremen ist sehr viel Besuch da, da neben dem Hamburger auch noch ein Bremer Schiff 2 mal wöchentlich Hierher geht.

Der erste, der mich empfing, war mein alter Würzburger Universitätsfreund, Dr. Strube (jetzt berühmter Augenarzt in Bremen), welchen ich seit 8 Jahren nicht wiedergesehen hatte. Auch sonst habe ich viel alte Bekannte getroffen, Prof. Esmarch aus Prag, Prof. Ries aus Berlin, und || nicht weniger als fünf Zoologen, nämlich Prof. Lieberkühn, Dr. Wagener und Dr. Schneider aus Berlin, Dr. Greef aus Bonn, und Dr. Marchi aus Florenz. Dazu kommen nun noch wir 3, Salverda, Dohrn und ich, so daß es den Helgolander Seethieren dies Jahr schlecht geht. Freitag 18. 8. machten wir alle zusammen eine Barkenfahrt um die Insel. Die 3 Berliner Zoologen gehen morgen fort und nehmen diesen Brief mit. Morgen werde ich mich ordentlich einrichten und dann regelmäßig arbeiten. Salverda wird wohl Dienstag kommen.

‒ Hoffentlich geht es euch gut, liebe Eltern. Schreibt mir bald. Adresse: Frau Claus Stolt. Körperlich befinde ich mich sehr wohl. Von meinem Gastricismus ist Nichts zurück geblieben. Schickt diesen Brief auch nach Landsberg. Allen Landsbergern, sowie den Berliner Verwandten und Freunden die besten Grüße.

Euer treuer Ernst.

a gestr.: Xxx; b gestr.: D;

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
20-08-1865
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38559
ID
38559