Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Rechtenfleth, 4. Oktober 1865

Rechtenfleth 4. October 65

Liebste Eltern!

Seit gestern Nachmittag sitze ich hier bei meinem lieben Hermann Almers, nachdem ich vorgestern Morgen, am 2. October um 9 Uhr, Helgoland, verlassen. Die letzten 14 Tage auf Helgoland waren besser, und für meine Studien interessanter und fruchtbarer, als die erstena 4 Wochen. Wie im vorigen Jahre in Nizza, so kam auch in diesem Jahre auf Helgoland das Beste zuletzt, eine sehr schöne neue Meduse, an der ich bei weiterer Untersuchung noch manches Interessante zu entdecken hoffe. Dohrn hielt bis zum letzten Schiffe mit mir aus, und war mir mit seinem muntern frischen Sinn ein recht angenehmer Gesellschafter. Die andern Naturforscher gingen Alle schon Mitte September von Helgoland fort. Dagegen hatten wir in den letzten 14 Tagen einen sehr angenehmen Gesellschafter an einem Herrn Gildemeister aus Bremen. Wir 3 haben die Nordsee zusammen recht gründlich genossen und fast täglich eine wilde Excursion, oft eine recht tolle Fahrt gemacht. Bis zum letzten Abend, am I October, haben wir täglich Abends 7 Uhr im || Dunkeln ein nächtliches Bad in offenen Meer (vom Boote aus) genommen, was so recht nach meinem Sinn war. Eine der wildesten Excursionen war eine stürmische Fahrt mit dem Schleppnetz nach den Austernbänken. Gesammelt habe ich ziemlich viel, und nicht weniger als 4 volle Kisten nach Jena geschickt. Unsere Überfahrt von Helgoland nach Bremerhafen war bei äußerst heftigem Ostwinde sehr bewegt und dauerte 8 Stunden. Da das gewöhnliche Schiff b (die Helgoländerin) nicht mehr ging, fuhren wir auf einem ganz kleinen Schleppdampfer über, der von den Wellen arg mitgenommen wurde. Da die Wellen über das ganze Schiff weg stürzten, und eine Cajüte nicht vorhanden war, so waren wir Alle schon in der ersten halben Stunde bis auf die Haut durchnäßt und mußten so 7 Stunden lang auf dem Vordeck aushalten. Ich habe mich, trotzdem ich im Helgoland ziemlich abgehärtet war, dadurch doch etwas erkältet und halte mich deßhalb hier ein paar Tage ganz ruhig und warm, bis der Cadaver wieder ganz in Ordnung ist. Dann gehe ich nach Bremen, wo ich ein paar Tage bleibe und von da entweder nach dem Rhein und Holland, oder auch vielleicht über Göttingen und Gießen nach Jena zurück.

Habt ihr mir etwas Eiliges mitzutheilen, so schreibt Adr. Herrn Dr. Strube, Bremen; sonst nach Jena, wo ich vielleicht schon in 10-12 Tagen sein werde.

Grüßt die Landsberger und die Berliner herzlich.

Euer Ernst

a korr. aus: letzten; b gestr.: nicht;

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
04-10-1865
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38557
ID
38557