Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 11. Juni 1865

I.

Jena 11. Juni 65.

Liebe Eltern!

Ich komme erst heute wieder zu einer ruhigen Stunde, um euren letzten Brief zu beantworten. So eben erst ist mein lieber Freund Eduard von Martens wieder abgereist, nachdem er volle 8 Tage bei mir gewesen war. Er hat mir die Pfingstwoche, die sonst recht traurig für mich gewesen wäre, verleben helfen und seine liebe Gesellschaft war mir sehr angenehm.

Dreimal Nachmittags haben wir einen größeren Spaziergang von 5-7 Stunden gemacht. Einige Male haben wir mit Gegenbaur zusammen gegessen. Die übrige Zeit Vor- und Nach- Mittag, waren wir beständig auf dem Zoologischen Museum und haben dort zusammen in Ordnen, Bestimmen und Untersuchen mehr geleistet, als mir allein in einema Vierteljahre möglich gewesen wäre. Martens besitzt eine außerordentliche Kenntniß der einzelnen Species, namentlich von Schnecken und Muscheln, und da ich hierin nur sehr wenig weiß, habe ich sehr viel von Ihm gelernt. ||

Dabei ist Martens ein so guter, braver lieber und verträglicher Mensch, daß mir seine Gesellschaft in meiner Einsamkeit sehr wohl that. Besonders werthvoll war mir dieselbe jetzt in der Pfingstwoche, die für mich an lieblichen und darum jetzt so schmerzlichen Erinnerungen besonders reich ist.

‒ Auf euer Kommen, liebe Eltern, freue ich mich sehr, und hoffe, daß euch in diesem Sommer der hiesige Aufenthalt mehr Freude machen und besser bekommen soll, als in dem vorigen, an schweren Erinnerungen so reichen Sommer.

Das Wetter scheint im Ganzen diesen Sommer sehr hübsch zu bleiben und die reizende Natur unseres lieben Saalthals ist besonders grün und freundlich. Die Spaziergänge im Paradis werden Dir, lieber Vater, gewiß recht behagen. Wegen Störung der Arbeit und etwaigen Unbequemlichkeiten für mich brauchst Du liebe Mutter, Dir gar keine Sorge zu machen. ||

11. Juni 65 II.

Besonders zufrieden bin ich, daß Quinke Dich, lieber Vater, dies Jahr nicht wieder in ein Bad schicken will, wie er mir sagte; Das Baden ist in Deinem Alter gar nichts mehr und die schlechten Erfolge haben sich im vorigen Jahr auffallend genug gezeigt. Auch Gerhard, mit dem ich neulich darüber sprach, war der Meinung, daß Du auf keinen Fall mehr ein Bad brauchen dürfest. Die frische b reine Luft Hier wird Dir dagegen gewiß vortrefflich bekommen.

‒ Gegenbaur und seine kleine Emma, die jetzt in Würzburg ist, geht es gut.

‒ Der Tod von Frau Lampert hat mich sehr erschreckt und betrübt. Du schreibst mir aber gar nicht, liebe Mutter, woran dieselbe eigentlich gestorben ist.

Den Tod vom alten Flottwell habe ich in der Zeitung erfahren.

Hildebrandts haben euch wohl die Anzeige geschickt, daß ihre Tochter Sophie sich mit dem jungen Buchhändler Frommann verlobt hat. ||

Nun Martens wieder fort ist, werde ich wieder tüchtig an die Vollendung meines Buches gehen, das noch in diesem Semester fertig werden muß.

In der zweiten Augustwoche denke ich von Hier abzureisen, zunächst in die Krainer Alpen, dann nach Triest. Dort hoffe ich mit Barth zusammenzutreffen.

‒‒‒

Nun noch einen herzlichen Gruß euch lieben Landsbergern Allen, Karl, Mimmi und den 7 Sprösslingen. Hoffentlich ist Alles recht wohl und ihr behagt euch dauernd in der neuen Wohnung. Es ist mir sehr lieb, einen so angenehmen Eindruck davon mitgenommen zu haben.

Herzlichsten Gruß

Euer Ernst.

Mutter Minchen schrieb mir heute, daß sie übermorgen durch Apolda kömmt. Ich kann aber wegen der Vorlesungen nicht hinüber.

c Bertha läßt Dich, liebe Mutter, bitten, ein Fläschchen Citronöl mit her zu bringen.

a korr. aus: mehr; b gestr.: L; c weiter am Rand v. S. 4.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
11-06-1865
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38555
ID
38555