Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 22. Mai 1865

Jena 22. Mai 1865.

Liebste Eltern!

Die 3 ersten schweren Wochen des Semesters sind nun glücklich vorüber. Sie waren natürlich diesmal besonders schwer für mich, mit dem vielen Außerordentlichen, was mich diesmal bewegte und wobei ich meine Anna stets so sehr vermisse. Auch der herrliche Frühling, mit jetzt schon fast über einen Monat anhaltendem außerordentlich schönem Wetter, hat mich täglich und stündlich meinen Verlust aufs Tiefste empfinden lassen. Wie würde Anna sich über die glückliche Gestaltung meiner äußeren Schicksale und über die mir widerfahrenen Ehren, aus denen ich allein mir Nichts mache, gefreut haben! Das Alles fehlt nun; das Beste ist unwiederbringlich verloren, und so habe ich denn bei den ganzen Verhandlungen der letzten 2 Monate und dem endlichen Abschluß mehr Kummer und Leid, als Freude gehabt. ||

Hoffentlich werde ich jetzt, nachdem der schwere Semester- Anfang vorbei ist, wieder mehr zum Arbeiten kommen und namentlich zu der Vollendung meines Buchs.

Vorlesungen habe ich nur an 3 Tagen wöchentlich, Montag, Mittwoch und Freitag, an diesen aber allerdings 5 Stunden täglich! Morgens von 6-7 Uhr (in schönster Morgen- Frühe und -Frische) lese ich Embryologie; Nachmittag von 3-7 halte ich mikroskop. Cursus und zwar, da ziemlich viel sind (12 Arbeiten) in 2 Abtheilungen, die erste von 3-5, die zweite von 5-7 Uhr. Dann bin ich Abends gehörig caput! Abends gehe ich fast täglich mit Gegenbaur 1-2 Stunden spazieren. Sonst lebe ich sehr einsam, und sehe nur bisweilen Schleicher, Pringsheim, Hildebrand, Seebeck, sonst Niemand. Mit den Studenten bin ich diesmal sehr zufrieden; es sind sehr tüchtige Leute darunter, namentlich der Genfer Fol, der uns zu Weihnachten besuchte, und noch einige Andere, sehr gescheute Menschen. ||

Vorigen Sonnabend (20 Mai) bin ich feierlich in den Senat eingeführt worden und habe auf die schmeichelhafte Anrede des Prorectors eine entsprechende Gegenrede an denselben gehalten, dann mit möglichst viel Würde und Grandezza meinen a Senatoren Stuhl am großen grünen Tische eingenommen. Es kamen grade ziemlich tief eingreifende Fragen zur Debatte, wobei es sehr lebhaft herging. Gleichzeitig mit mir wurde Bezolds Nachfolger, Professor Czermak aus Prag, in den Senat eingeführt. Es sitzen darin nun aus der philosoph. Facult. 11 Senatoren, aus der medicin. 6, Jurist. 5, Theolog. 3.

‒‒ Vor 8 Tagen habe ich einen sehr liebenswürdigen Besuch gehabt, meinen Special- Collegen, Professor Weismann aus Freiburg im Breisgau, der von Samstag bis Montag hier blieb und bei mir wohnte. Ich hatte ihn noch nicht gekannt. Wir stimmen in Ansichten und Überzeugungen sehr gut zusammen, sind genau gleich alt (er nur 14 Tage älter) und uns sogar im Äußern und Temperament sehr ähnlich. ||

Was Dein Schreiben an Seebeck betrifft, lieber Vater, so glaube ich, es ist besser, daß Du es läßt und ihm statt dessen mündlich dankst. Ohnehin ist es nicht gut, diesen rein officiellen Akt, den ein anderer Curator wohl auch ähnlich gefördert haben würde, mit seinem persönlichen Wohlwollen für mich zu sehr in Verbindung zu bringen. Auch weiß das Ministerium hier recht gut, daß ich der Universität Ehre mache und hat mich nicht umsonst hier behalten.

Die Würzburger haben sich bei Stellung ihrer Bedingungen in einiger Beziehung noch recht schofel genommen, so daß es wohl gut war, daß b mir die Entscheidung weiter gar keine Überwindung kostete. –

Bezold soll ziemlich viel Unannehmlichkeiten beim Anfange in Würzburg gehabt haben. Doch ist er gesund, wenigstens verhältnißmäßig.

– Zu Pfingsten erwarte ich Besuch von Martens, auf den ich mich sehr freue. Ich werde ihn vorher noch zu euch schicken.

Herzlichen Gruß.

Euer Ernst.

a gestr.: Pla; b gestr.: ihr mit;

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
22-05-1865
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38553
ID
38553