Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 4. Mai 1865

Jena 4. Mai 65.

Liebe Eltern!

In den letzten 3 Tagen gab mir der Semester- Anfang hier so Viel zu thun, daß ich erst heute zum Schreiben komme. Meine Rückreise ist ganz nach Wunsch abgelaufen.

Freitag 28. 4. 12 Uhr von euch abgereist, kam ich um 4 Uhr in Magdeburg an, wo ich meinen alten braven Freund und Lehrer Gude aufsuchte, der sich sehr freute, mich wiederzusehen, und in dessen Gesellschaft ich den Rest des Tages verlebte. Auch übernachtete ich auf seinem Sopha.

Sonnabend 29. fuhr ich früh 6 Uhr (bei bitterkaltem klaren Wetter, es hatte Nachts gefroren) per Post in 3 Stunden nach Hundisburg.

Die ganze Gegend ist eine äußerst langweilige Ebene, bloß aus Korn- und Rübenfeldern bestehend, ohne Spur von Berg oder Wald. Von Herrn von Nathusius wurde ich sehr höflich empfangen und den ganzen Tag über auf das Beste unterhalten. Seine Sammlungen sind in der That ganz ausgezeichnet und einzig in ihrer Art und lohnten den kleinen Abstecher sehr, der mich gar nicht gereut hat. || Am ausgezeichnetsten ist die Sammlung von Schädeln aller Hausthier Rassen, die überzeugende Beweise für die Darwinsche Theorie liefert. Hr. v. Nathusius meinte freilich grade das Gegentheil. Indeß haben wir a uns bei unsern total entgegengesetzten Ansichten doch eigentlich gar nicht gestritten, da jeder von der Richtigkeit seiner eigenen Ansichten zu sehr überzeugt war. Eine derartige Suite von Rassen- Schädeln existirt in keiner anderen Sammlung. Ebenso einzig und ausgezeichnet ist die Sammlung von allen möglichen Abbildungen der verschiedensten Hausthier Rassen, die b eine Reihe von Schränken ausfüllen. Das meiste Vergnügen machte mir aber die Betrachtung der herrlichen Thiere selbst, die H. v. Nathusius in seinen Ställen züchtet, und die c einer Reihe der ausgezeichnetsten und am meisten charakteristischen Rassen angehören. Am meisten ausgebildet ist die Zucht der Schweine und Rinder, demnächst die der Schafe.

Weniger ist von Pferden vorhanden, obwohl auch einzelne ausgezeichnete Rassen- Typen. || Von der Ausdehnung der Thierzüchterei in Hundisburg bekommt ihr dadurch einen Begriff, daß alle Jahre dort eine große Auktion gehalten wird, zu der sich über 100 d Käufer aus allen Ländern Europas einfinden. Es werden nur etwa 250-300 Thiere verkauft und das Alles nur lauter edle Zuchtthiere ersten Ranges. Darunter sind etwa 20 Stiere, 50 Schweine, das Übrige Schafböcke. Von jedem Schweine allein bezieht H. v. Nathusius im Durchschnitt 100 rl Netto Gewinn! Stiere werden um mehrere Tausend Thaler verkauft. Die Ställe sind höchst großartig und schön eingerichtet. Auch das Gut von Hundisburg selbst (mit einem großen alten Schloß, das früher Kloster war) ist sehr schön und mit einem herrlichen Park versehen. Nur fehlt leider das Wasser. Den ganzen Nachmittag fast strichen wir in den Ställen umher und in der Schädel- Sammlung. Das Mittag- und Abend- Essen war sehr fein, obwohl ganz in Familie, die Unterhaltung auch ganz e nett, da ich jedesmal, sobald || das Gespräch auf politische und religiöse Fragen kam, beharrlich schwieg. Die Kreuzzeitung kuckte natürlich überall durch und die Herren Söhne scheinen recht vielversprechende Junkers zu werden. Ich wollte eigentlich noch denselben Abend nach Magdeburg zurück. Da jedoch am Sonntag Morgen der Wagen von Nathusius ohnehin (mit dem jungen Herrn) nach Magdeburg fuhr, um die abwesende Frau v. Nathusius abzuholen, so nahm ich das Anerbieten an, diese Gelegenheit mit zu benutzen und im Schlosse über Nacht zu bleiben. Um 6 U. aus Hundisburg fortgefahren, war ich am Sonntag (30. 4) früh 9 Uhr wieder bei Gude, mit dem ich noch 2 Stunden recht nett verplauderte. Er befindet sich sehr wohl, und ist gesünder, als in den früheren Jahren. Um 11 Uhr aus Magdebg gefahren, war ich um 4 Uhr in Apoldaf, wo ich auch diesmal wieder, als ob es verabredet gewesen wäre, mit meinem lieben Gegenbaur zusammentraf, mit dem ich nun zusammen in seinem Wagen herüber fuhr. Hier fand ich Alles in bester Ordnung. ||

Meine Vorlesungen sind bereits wieder in Gang. Die hiesigen Freunde fand ich alle wohl. Gegenbaur hat natürlich sehr schwere Zeit verlebt. Doch ist er verhältnißmäßig wohl und ruhig.

Grüßt die Tanten, Cousinen und alle Verwandten und Freunde bestens. g Die drei Wochen bei euch waren doch sehr nett und haben mir recht gut gethan. Bitte schickt den Brief auch an die Landsberger, die ich schönstens grüße.

Euer Ernst

a gestr.: b; b gestr.: in; c gestr.: für; d gestr.: H; e gestr.: fr; f korr. aus: Apolta; g gestr.: und habt;

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
04-05-1865
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38551
ID
38551