Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 19. März 1865

Jena 19. 3. 65.

Liebe Eltern!

Ihr a werdet gewiß auch mit meiner Würzburger Angelegenheit euch lebhaft beschäftigen, und daher will ich euch heute nur mittheilen, daß die Entscheidung erst innerhalb 2-3 Wochen erfolgen kann. Meine hiesigen Freunde thun Alles, um mich hier zu halten und auch Seebeck ist hierzu sehr geneigt. Vor Allem ist natürlich Gegenbaur in höchstem Grade über die Sache aufgeregt und will mich möglichst sicher hier halten.

Wenn ich hier bleibe, so komme ich als ordentlicher Professor in die philosophische Facultät und bekomme Gehaltszulage. Dagegen würde mein Wirkungskreis in Würzburg ungleich bedeutender sein, und ebenso die pecuniären Verhältnisse, die wissenschaftlichen Hülfsmittel u. s. w. bedeutend besser. Auch würde jedenfalls die gänzliche Veränderung der Verhältnisse meinem wunden Gemüthe sehr gut thun und ich mich mehr dem Leben zuwenden. Dagegen lasse ich dann hier Freunde zurück, die ich dort nicht wiederfinde, und namentlich der Verlust von Gegenbaur würde mir ganz unersetzlich sein. Auch die große Freiheit hier würde ich dort wohl vermissen. || Unter diesen Umständen wird mir die Wahl sehr schwierig werden, wie ich es im Voraus gedacht habe. Viel wird natürlich auch von der näheren Formulirung der Bedingungen hier und dort abhängen. Aber vorb der Entscheidung wird es noch manchen schweren Kampf kosten.

In 3 Wochen hoffe ich ist Alles entschieden und dann komme ich sogleich zu Euch.

Ich hoffe auch noch nach Landsberg kommen zu können, wenn Zeit genug übrig bleibt.

c Ihr dürft von der Berufung mit den Freunden offen sprechen da sie schon ganz bekannt ist. Wenn ihr gefragt werdet nach der Entscheidung, so sagt, es sei mehr Wahrscheinlichkeit, daß ich nach Würzburg gehe, als daß ich hier bleibe. Es ist dies für beide Fälle und für die Entscheidung selbst das Beste!

̶ Heute Nacht ist Frau Hofräthin Domrich, (geb. Kieser, die Schwägerin von Krukenberg) nach 9 tägigem Leiden an Lungenentzündung gestorben, bei ihrem schwachen und elenden Körper ein wahres Glück –. Ich bin heute den ganzen Tag bei Gegenbaur, der sehr betrübt ist. Es ist heute sein Hochzeitstag. – Mit vielen Grüßen

euer Ernst.

d Auf einliegenden Brief klebt eine Stadtpost-Marke.

e Deinen Brief, liebe Mutter, habe ich so eben erhalten.

a gestr.: ge; b korr. aus: von; c gestr.: We; d weiter am Rand v. S. 2; e weiter am Rand v. S. 1.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
19-03-1865
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38549
ID
38549