Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Venedig, 30. März 1878

Venedig 30 März 1878

Ihr theuren Lieben in Jena und Potsdam!

Nachdem ich Hier in der herrlichen Lagunenstadt 4 ruhige Tage verlebt und mich von den argen Strapatzen meiner Vortrags-Rundreise gründlich erholt habe, muß ich Euch doch noch Etwas über den Gesammt-Eindruck berichten, den dieselbe mir hinterlassen hat. Im Ganzen bin ich herzensfroh , dass Alles glücklich vorüber und ohne jeden ärgerlichen Zwischenfall abgegangen ist. Einmal, und nie wieder! Alles in Allem genommen ist doch das Resultat nicht der vielfachen Mühen, geistigen Aufregungen und körperlichen Anstrengungen werth, mit denen eine solche Huldigungs-Reise, mit allen möglichen Ehrenbezeugungen nothwendig verknüpft ist. ||

In den ersten Tagen hier, nachdem die rauschenden Wiener Festlichkeiten glücklich überwunden waren, hatte ich eigentlich das Gefühl eines gründlichen Katzenjammers, wie er naturgemäß nach einer solchen, fast 3 Wochen dauernden Reihenfolge von höchst raffinirten Zweckessen, Toasten etc eintreten mußte. Auch wurden mir die genirten und ungenirten Schmeicheleien von allen möglichen, sich herandrängenden Persönlichkeiten, zuletzt geradezu unverträglich. In Wien mußte ich sogar durch eine Reihe von Deputationen Spießruthen laufen, indem jeden Morgen eine oder mehrere Comités in schwarzem Frack und weißer Halsbinde erschienen, um mich um Abhaltung einiger anderer Vorträge zu Gunsten dieser oder jener Wohltätigkeits-Anstalt zu ersuchen. ||

Abgesehen indessen von diesen und vielen anderen lästigen Verpflichtungen hat die ganze Sache doch auch ihr Gutes gehabt, und zwar erstens, ein großes und lebhaftes Interesse für unsere wissenschaftlichen Aufgaben in weiten Kreisen anzuregen, und zweitens für mich selbst eine außerordentliche Verbesserung des freien Vortrags. Die ungewöhnliche Anstrengung aller Kräfte, die mit dem Zwange eines ganz freien Vortrags in einer solchen Versammlung verbunden ist, bewirkt in der That eine größere Vollendung desselben, als sonst irgend möglich ist. Sogar ernste und heitere Tischreden – mir die entsetzlichste aller Vortrags-Arten! – habe ich diesmal halten gelernt, da ich im Laufe dieser wenigen Wochen wenigstens 30 mal auf Toaste etc habe antworten müssen. ||

Unter den 10 Leidens-Stationen, welche ich durchzumachen hatte, war die relativ angenehmste in einer Beziehung Cöln, in anderer Wien. In Cöln war das Auditorium (u. A. auch viele Professoren aus Bonn) ein sehr auserlesenes und die speciellen Beziehungen zum naturwissenschaftlichen Verein und seinen trefflichen Mitgliedern, die ich schon seit Jahren kannte, sowie das reizende Ehren-Diplom – ein wirkliches Kunstwerk – gaben dem Ganzen eine ebenso intime als liebenswürdige Färbung. Auch waren die Tischreden bei den Cölner Fest-Essen die besten und treffendsten, die ich auf der ganzen Reise zu hören bekam. ||

II

In Wien hingegen hatten alle Feierlichkeiten einen glänzenderen Anstrich waren aber zu gehäuft und zu übertrieben, als daß ich wirklich viel Freude daran hätte haben können. Da ich in den frühen Tagen meines Wiener Aufenthalts gewiß einige hundert Personen gesprochen habe – ich erhielt ungefähr 3mal so viel Einladungen als ich hätte annehmen können! – so wurde mir zuletzt von Alledem so dumm, als gingen mir ein Mühlrad im Kopfe herum. Von den beiden großen abendlichen Festessen war das der Concordia (am 24.) das unterhaltendere und heitere, hingegen dasjenige des wissenschaftlichen Club das geistig angeregtere, auch waren bei diesem die wissenschaftlichen Autoritäten ganz überwiegend. ||

Übrigens fehlte sehr Wenig, daß ich die ganze Wiener Reise aufgegeben hätte. Schon nach dem Cölner Feste (am Sonntag, 17.) fühlte ich mich so angegriffen, daß ich den letzten Rheinischen Vortrag (in Elberfeld, am 18.) nur mit großer Mühe hielt. Dabei erkältete ich mich noch in dem schlecht geheizten Saale, so daß ich am 19. sehr unwohl, fieberig und catarrhalisch war. Ich fuhr diesen Tag bloß bis Mainz wo ich übernachtete. Abends war mir so schlecht, daß ich Absage-Briefe nach Wien schrieb und folgenden Morgen direct nach Jena zurückzureisen beschloß. Indessen schwitzte ich in der Nacht tüchtig, und am folgenden Morgen war mir so weit besser, daß ich jedenfalls die Reise nach Wien zu wagen beschloß. ||

Hier stellte ich mich durch ein russisches Dampfbad und einen Tag Ruhe wieder so weit her, daß ich die folgenden 4 Tage glücklich zu überstehen im Stande war. Wie froh war ich aber, als ich endlich am 26. auf der Südbahn saß und nach Absolvirung aller Vortrags-Aufgaben sorglos und frei nach dem Mittelmeer eilen konnte.

Hier hat mich die schöne Seeluft vollständig gekräftigt. Das Wetter ist freilich unter aller Kritik. 27., war schön. Seit 3 Tagen aber ununterbrochen Sturm und Regen, dabei nur 6–8° Wärme, so daß ich an Ausfahrten, geschweige denn an Fischerei, noch gar nicht habe denken können. ||

Um so mehr genieße ich die herrlichen Kunstschätze Venedigs, Paläste, Kirchen, Museen, und vor Allen die wunderbare Canalwelt der einzigen Lagunenstadt, eine rechte Erquickung nach dem Wirrsaal der letzten Wochen. Ganz unerwartet habe ich hier einen liebenswürdigen alten Freund getroffen, den italiänischen Admiral (früher Marine-Minister) Guilielmo Acton , mit welchem ich in Neapel 1859 fast täglich zusammen war und den ich seitdem nicht gesehen habe. Er ist jetzt Gouverneur der Marine von Venedig und wohnt im Arsenal.

Nächsten Donnerstag (4. April) denke ich nach Triest zurückzureisen, wo ich 6–8 Tage bleibe. Adresse: Signore Enrico Krauseneck . Nr. 9 via Lazzaretto vecchio. Triest .

Hoffentlich höre ich dort Gutes von Euch.

Mit herzlichsten Grüßen

Euer treuer Ernst Hkl

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
30-03-1878
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38490
ID
38490