Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 22. Juni 1867

Jena 22 Juni

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Liebste Eltern!

Acht Tage sind nun heute verflossen seitdem ich Morgens 6 Uhr Berlin verließ und Abends 5 Uhr bereits hier in Jena meine Agnes im Arme hatte. Viel, viel habe ich seitdem in Gedanken durchlebt, und dasa gesammte Hauptresultaten von Allem ist, daß ich sehr, sehr glücklich bin. Ich hatte nicht gedacht, daß mir noch einmal ein solcher Liebesfrühling erblühen könne.

Je mehr ich Agnes kennen lerne, desto mehr liebe und schätze ich sie. Vor Allem ist es ihr reiner, kindlich heiterer und einfach natürlicher Sinn, der mich sehr, sehr beglückt. ||

Wenn meine liebste unvergeßliche Anna mein Glück sehen könnte, wie sehr würde sie darüber erfreut sein. Daß ich ganz in Ihrem Sinne meine Braut erwählt habe, davon bin ich überzeugt, und das ist es, was mich besonders glücklich macht.

In ihrer einfachen ungekünstelten Natürlichkeit und ihrer ungetrübten Heiterkeit ist Agnes in der That Anna sehr ähnlich; und die Art und Weise, wie Sie selbst unser Verhältniß auffaßt, ist sehr lieb.

– Die Familie Huschke ist auch sehr nett, besonders die vortreffliche Mutter, die man um so lieber gewinnt, je näher man sie kennen lernt. Sie wird Euch auch sehr gefallen. ||

Wenn ihr Nichts weiter über eure Reise schreibt, liebe Eltern, werde ich Euch am Samstag den 6 Juli, Mittags 1 Uhr, auf dem Bahnhofe in Apolda in einem Wagen mit Agnes abrollen. –

Vergiß ja nicht, liebe Mutter, mir die beiden Skizzenbücher von meiner Reise und den Tuschkasten mitzubringen, den ich in Landsberg gelassen hatte.

– Ferner möchte ich Dich bitten, b an meinen Weinkeller und an die Speisekammer zu denken.

Wie Bertha mir sagt, ist Alles zu Ende von Vorräthen. Auch wünscht Bertha Papier zum Filtriren des Kaffees zu haben. ||

Bertha hat sich bisher sehr vernünftig betragen. Die gute Schule des Winters in Frankfurt scheint ihre Früchte getragen zu haben.

Gegenbaur fand ich sehr viel besser vor. Er war sehr nett und hat sich über meine Verlobung aufrichtig und von ganzem Herzen gefreut.

Jena ist natürlich über das große Ereigniß, welches allgemein völlig überraschend gekommen ist, außer sich, und wir haben die erfreuliche Ehre, an allen Ecken und Enden Gegenstand des lebhaftesten Gesprächs, resp. Klatsches zu sein. Alle Welt behauptet, wir müßten uns heimlich in Berlin verlobt haben.

Grüßt alle Freunde und Verwandten herzlichst, liebe Eltern, von eurem treuen

glücklichen Ernst.

a korr. aus: daß; b gestr.: mir;

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
22-06-1867
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38450
ID
38450