Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 30. Dezember 1863

Jena 30. 12. 63

Liebste Eltern!

Dieser Brief bringt euch gleichzeitig unsern herzlichsten Glückwunsch zum neuen Jahre und unsern innigsten Dank für die reichen Weihnachtsgeschenke, durch die ihr uns höchst angenehm überrascht habt. Da ihr uns eigentlich schon im Herbst das Weihnachtsgeschenk in Gestalt von 50 rl überreicht habt, die uns jetzt bei Bezahlung der Neujahrsrechnungen sehr zu Statten kommen, so hatten wir eigentlich gar nichts mehr erwartet und waren nun um so mehr überrascht, als wir nun die reiche volle Kiste Stück für Stück jubelnd unter dem kleinen Weihnachtsbaume auspackten. Die reichen Vorräthe für Küche und Speisekammer kommen uns sehr erwünscht. Die beiden silbernen Leuchter von den Großeltern sollen als altes Erbstück sehr in Ehren gehalten werden. Die 10 rl sollen zum Ankaufe einer englischen Palaeontologie verwandt werden, die ich mir schon lange gewünscht habe. Unser Weihnachtsabend war sehr nett und wir waren in unserem behaglichen Paradieszimmer, in dessen Mitte ein hübscher von Anna angeputzter Lichterbaum prangte, äußerst vergnügt, wobei wir eurer viel gedachten. ||

Anna hat mir eine sehr hübsche Decke gestickt, welche am Fenster hängt, wo jetzt mein Schreibtisch steht und welche mir hoffentlich wärmend den Zug abhält, der hier überall durch die dünnen Wände dringt. Ich hatte für Anna ein kleines Sepiaaquarell gemalt und baute ihr außerdem ein paar Noten, einige Photographien und die „Geschichte der französischen Revolution von Carlisle“ auf. Außerdem bescheerten wir auch 4 arme Kinder (2 Schwestern von unserm Dienstmädchen Bertha und 2 Knaben von unserm Gärtner), welche über die Spielsachen, Näschereien und Kleidungsstücke, mit denen Anna sie beschenkte, sehr glücklich waren. Nach dem Aufbau packten wir zunächst eure Kiste aus, dann eine zweite von Mutter Minchen, welche eine Lampe, ein Kleid und einige Putzsachen für Anna, ein großes seidnes Taschentuch für mich und ebenfalls verschiedenen Näschereien enthielt. Eine dritte kleine Kiste, welche ebenfalls ausgepackt wurde, kam von Bertha aus Ziegenort und versorgte unsere Küche mit selbstverfertigten Würsten. Nach dem Auspacken und Bewundern dieser Herrlichkeiten brachte ich noch einen Kuchenteller zu unserer Nachbar Naumann und einen zweiten || zu meinem Freunde Gerhard. Dann gingen wir zu Gegenbaurs hinüber, bei denen wir den Rest des heiligen Abends mit College Bernhard Schultze sehr vergnügt zubrachten.

Am ersten Feiertage kamen noch 2 Weihnachtskistchen an, eins von den Berliner Tanten (Bertha und Gertrude) welche uns mit Kleists Werken und Anna mit einigen Putzsachen sehr hübsch beschenkten, ein zweites von Hermine aus Landsberg, welches ein niedliches Morgenhäubchen und einen Seiflappen für Anna enthielt. Auch am zweiten Feiertage kamen noch 2 Sendungen, nämlich das beifolgende Diplom der leopoldinisch- carolinischen Deutschen Akademie der Naturforscher in Dresden, welche mich unter dem Beinamen „Poli II“ zu ihrem Mitgliede ernennt (Poli war der sicilianische Anatom und Naturforscher; Anna neckt mich aber immer mit „Polli, Polli wsss – wsss – wsss!!“ –). Die andere Sendung war eine große „Freßkiste“ von Anton Dohrn aus Stettin, welche außer einer Parthie (bestellten) Thee einige höchst wohlschmeckende Delicatessen (Kaviar, Neuenburger Käse, 2 Königsberger Marcipan- Herzen, eine Flasche Schwedischen Punsch) enthielt, die für die ganze medicinische Facultät (incl. Naumann) bestimmt waren und bei uns verzehrt werden sollten. || Am zweiten Feiertag (Sonnabend) Mittag wurde denn auch gleich ein Theil davon zu einem netten kleinen Diner verwandt, zu welchem wir Gegenbaurs, Gerhard und Naumann geladen hatten (Bezold ist bei seiner Braut in Leipzig, Schultze leider krank). Am dritten Feiertag Abend hatten wir eine kleine Gesellschaft junger Leute, die höchst ausgelassen waren, Naumann, Lieber (Stud. phil. aus Hamburg) und die beiden Brüder Engelmann, die aus Leipzig herüber gekommen waren. Dieselben waren auch heute Mittag wieder bei uns und halfen den Rest der Stettiner Delicatessen- Kiste vertilgen. Es ging auch heute sehr munter her, wie an jenem Abend, wo gespielt, gesungen, getanzt, gereimt und gedichtet wurde, und abwechselnd dazwischen Stereoskopen und Photographien besehen, und sogar Schach gespielt.

Montag Abend hörte ich einen vortrefflichen Vortrag von Adolph Schmidt über die Geschichte Schleswig- Holsteins; Dienstag war ich zu einem Herren- Souper bei Gerhardt, wo auch Gegenbaur, Kuno Fischer, Endemann, Danz und Göttling waren. Heute Abend werden wir bei Kiesers sein, wo Krukenberg zum Weihnachtsbesuch ist, der auch schön grüßen läßt.

[Briefschluss fehlt.]

Brief Metadaten

ID
38445
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Datierung
30.12.1863
Umfang Seiten
4
Umfang Blätter
2
Format
13,8 x 21,3 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38445
Zitiervorlage
Haeckel, Ernst an Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte; Jena; 30.12.1863; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_38445