Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 24. Dezember 1863

Jena 23. 12. 1863.

Liebste Eltern!

Dieser Brief soll euch den herzlichsten Gruß zum Heilig- Abend bringen, da wir selbst leider Morgen nicht bei euch sein können. Es wird euch wohl etwas einsam sein, diesmal Weihnachten ganz ohne Besuch von den Kindern zu feiern! Wie gerne kämen wir da auf ein paar Stunden herüber geflogen. Indeß hoffe ich, daß euch der Gedanke an das glückliche, gesunde und frohe Leben eurer Kinder die Einsamkeit erheitern wird!

Obwohl ich allerdings grade die Weihnachtsferien sehr gern bei euch wäre, ist es doch diesmal viel vernünftiger, ich komme zu Ostern, wo ich 5 Wochen bei euch bleiben und euch außerdem beim Umzug helfen kann. ||

Sehr gerne hätte ich es so eingerichtet, daß die Kiste grade zu Heiligabend zu euch käme; aber das Kleben des Bilderbuchs für die Kinder hat die Absendung sehr verzögert. Seht euch doch auch einmal das Bilderbuch durch; Dir, liebe Mutter, wird es gewiß vielen Spaß machen, so viele alte Bekannte aus meiner Knabenzeit darin wieder zu finden, besonders meine ersten Versuche im Aquarelliren und Landschaftszeichnen. Mir selbst hat das Zusammenkleben sehr vielen Spaß gemacht; das Quodlibet ist allerdings schließlich sehr bunt ausgefallen. Dabei kamen mir auch ein paar alte Zeichenbücher aus Merseburg unter die Hände, welche Dir, liebe Mutter, früher so vielen Spaß machten. Ich habe Dir sie also wieder mit gesendet. In der Kiste findest Du auch die bestellten 6 Äpfelschäl- || Maschinen. Sie werden an den Tisch angeschraubt, dann der Apfel (oder die Kartoffel) (welcher am besten recht rund geformt ist) an die dreizinkige Gabel gesteckt und nun die Handhabe von links (und oben) nach rechts (und unten) herum gedreht. Die Schneide des Messers muß nach dem Gebrauch sorgfältig abgewischt werden. Das Stück kostet 1 rl 10 Sgr. Wenn sie Dir zu theuer oder nicht recht sind, oder wenn sie nicht ordentlich gehen sollten, werden sie auch zurückgenommen; doch bitte ich dann möglichst wenig damit zu machen. Ich würde sie an Deiner Stelle theilweis für Weihnachten 1864 als Geschenk benützen. Da Du, lieber Vater, jetzt so viel Geographie studirst, habe ich Dir den ersten Theil von Berghaus physikal. Atlas mitgeschickt, in welchem du höchst anschauliche Darstellungen der physikalischen Geographie findest. Besonders empfehle ich dir den Text genau beim Gebrauche der Karten zu lesen. ||

Carl wird wohl das Bilderbuch selbst den Kindern mitnehmen. Carl schenke ich außerdem das Buch: „Physikalische Briefe“ von Euler, das auch in der Kiste ist.

‒ Ihr schreibt mir, daß ihr letzten Sonntag bei Vetter Hartmann zum Familien- Abend gewesen seid; gut daß ich nicht dabei gewesen bin! Ich wäre allerdings auch zu einem solchen Waschweib und Schlappschwanz erster Größe nicht hingegangen. Wenn jetzt Revolution kömmt, wird Herr Hartmann vermuthlich wieder auf die Demokratie schwören!!

Wir warten hier täglich mit Ungeduld auf die Selbsthülfe des deutschen Volkes in der Schleswig Holstein Sache. Wenn es sich jetzt nicht selbst zu helfen weiß und seine landesväterlichen Regierungen fort jagt, dann ist ihm überhaupt nicht zu helfen! Ein so schmachvoller Landesverrat ist doch noch nicht da gewesen! Alles ist hier deswegen in der größten Aufregung. Hoffentlich hören wir bald von einem gründlichen Umschlag in der Politik!

Möge das Jahr 1864 damit gut beginnen!

Herzlichsten Gruß an alle Freunde und Tanten.

a Für die 50 rl., die ihr uns praenumerando zu Weihnachten geschenkt habt, herzlichsten Dank. Sie werden mir jetzt beim Bezahlen der Neujahrsrechnungen sehr zu Statten kommen. Bis ich mein Quartal Gehalt bekomme, haben sie uns schon ausgeholfen. ‒‒‒

b Ein recht fröhliches Weihnachtsfest wünscht euch euer treuer Ernst.

a weiter am oberen Rand v. S. 2 u. 3; b weiter am oberen Rand v. S. 4.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
23-12-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38443
ID
38443