Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Carl Gottlob Haeckel, Jena, 20. November 1863

Jena 20/11 63.

Lieber Vater!

Sehr gern wäre ich morgen bei Euch in Landsberg und brächte Dir selbst meinen Geburtstagsglückwunsch. Da mich aber für den 22. November nun wohl immer die Berufspflichten am Reisen hindern werden, so kann ich auch diesmal leider nur schriftlich Dir meine besten Glückwünsche senden. Mögest Du, lieber Vater, noch manches glückliche Jahr uns so wohlbehalten geistesfrisch und jugendkräftig erhalten bleiben, wie Du morgen Dein 84stes Jahr antrittst.

Komm nur alle Sommer hübsch lange nach Jena, so wird Deine herrliche Gesundheit sich gewiß immer frisch halten. Wir freuen uns schon jetzt darauf, daß Ihr uns im nächsten Sommer wieder besucht und die herrliche Natur hier recht mit uns genießt. Auch jetzt im Spätherbst ist die Gegend noch ganz wunderschön. Gestern Nachmittag genossen wir sie wieder in vollsten Maaße, als wir beim herrlichsten Wetter 3 Stunden im Ammerbacher Thal herumstiegen und einen hohen Berg mit herrlicher Aussicht erkletterten, auf dem wir noch nie gewesen waren. Es war ein wundervoller klarer Sonnentag, wie im Mai; in der Sonne 16° Wärme, und das am 19ten November! Der Sonnen- Untergang malte die nackten Kalkberge mit dem prachtvollsten Goldroth- und violetten Purpur ganz wunderschön an. ||

Wir haben uns nun in den 4 Wochen unseres Hierseins ganz in die alte uns höchst angenehmen Winter- Verfassung wieder hineingelebt; nur daß wir diesen Winter ganz still und zurückgezogen für uns leben, während wir im vorigen Winter sehr viel in Gesellschaft waren. Wir stehen um 7 Uhr auf. Von acht bis 9 Uhr lese ich (4 mal wöchentlich) Osteologie (vor 11 Zuhörern). Dann mikroskopire ich meist bis 12. Von 12-1 Uhr lese ich (5 mal wöchentlich) mein Haupt- Colleg, Zoologie, vor 26 Zuhörern, von denen 20 wenigstens ganz regelmäßig kommen und meist auch sehr genau Heft führen, so daß ich sehr zufrieden sein kann. Um 1 Uhr frühstücken wir Thee und Butterbrod mit Eiern oder kaltem Fleisch. Dann arbeite ich bis 5 Uhr. Von 5-6 habe ich 3 mal wöchentlich Turnen. Um 6 (öfter auch schon um 5 U.) essen wir zu Mittag. Dann gehe ich 1 Stunde auf das literar. Museum, wo ich täglich National-, Volks-, Kreuz-, Weser-, Deutsche Allg. Zeitg. und verschiedene andere Zeitschriften lese. Um 7 U. trinken wir Thee oder Caffee (ohne jede Zuthat) und dann arbeite ich noch mindestens bis 12 Uhr, während Anna liest oder arbeitet. Wir wohnen diesen Winter ganz zusammen, da ich meinen großen Arbeitstisch nebst dem täglichen Bücherfutter an die Stelle von Annas kleinem Tisch in das schöne große warme Eckzimmer gerückt habe. ||

In diesem ist der Teppich gelegt; die Sonne heizt sehr mächtig (Morgen und Mittag) und ein neuer Berliner Ofen unterstützt sie kräftig, so daß wir jetzt dieses Eckzimmer recht behaglich haben. Mein Zimmer wird gar nicht geheizt, so daß wir an Heizung und Beleuchtung bedeutend sparen.

Was unsern Umgang betrifft, so beschränken wir diesen auf Schleicher, Hildebrands, Gegenbaurs, von denen wir alle 8 Tage eine Familie besuchen, sehen außerdem auch meine unverheiratheten Freunde a (Gerhard, Naumann) bisweilen. Gerhards Fuß ist leider nicht vollständig geheilt, so daß er wohl zeitlebens etwas hinken wird. Bezold bleibt bis Neujahr in Paris und wird zu Pfingsten heirathen. Hier haben sich jetzt eine Menge Privatdocenten habilitirt, meist in der philosoph. und jurist. Facultät, (keiner in der medicin.). Unter diesen ist Dr. Simson (Historiker) ein Sohn des bekannten Frankfurter; ferner ein Dr. Karo (ebenfalls Histor.), der erste Jude, da hier zugelassen ist; dann mehrere Juristen und National-Ökonomen.

Wie uns jetzt die Politik interessirt, könnt Ihr lebhaft denken. Es ist doch einer der interessantesten Geschichts- Momente seit 1848. Alles trifft zusammen, das Klappen der inneren Krise in Preußen, der Tod des Königs von Dänemark und, worüber ich mich besonders freue, das Ende der schauerlichen „Berl. Allg. Zeitg“. Hoffentlich schaffst Du Dir nun eine bessere an, lieber Vater. ||

Ich würde Dir, falls die Presse bei uns noch länger in der Zwangsjacke geknebelt bleibt, am meisten rathen, die Leipziger „Deutsche Allg. Zeitg“ zu halten, welche auch über Berlin sehr viel wichtige Original- Correspondenzen bringt, und vielleicht dazu noch als Berliner die billige „Volks Z.“ Wenn die preußische Presse wieder frei wird, thust Du doch jedenfalls am besten, Dir die National Ztg zu halten. Was nun zunächst geschehen wird, darauf bin ich äußerst neugierig. Vielleicht ist der unerwartete Tod des Dänenkönigs der erste glückliche Anstoß, der uns über alle inneren und äußeren Schwierigkeiten hinweghilft. Vielleicht ist es aber der Anstoß dazu, den deutschen Karren noch tiefer in den Dreck zu fahren und Deutschland noch gründlicher zu erniedrigen. Wenn es zum Kriege kommt, dann kann Alles noch gut werden; und hoffentlich werden wir dann unsere Junker- Regierung zusammen mit den Dänen los. Ich schicke Dir einliegend den „Fortschritt“ mit, eine in Preußen verbotene Wochenschrift, die Dich vielleicht amüsiren wird. Bitte hebe mir aber alle Nummern auf. Zugleich schicke ich Dir eine kleine Biographie des Herzogs Bernhard von Weimar zum Geburtstag. Lieber noch hätte ich Dir etwas gemalt. Aber ich finde dafür jetzt keine Zeit. Nun lebe wohl, liebster Vater, lebe noch lange recht gesund und frisch, und tritt morgen ein recht b glückliches neues Lebensjahr an. Das wünscht von Herzen

Dein treuer Ernst.

a gestr. b irrtüml. wiederholt: recht.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
20-11-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38441
ID
38441