Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Heringsdorf, 24. August 1863

Häringsdorf

24 August 1863

Liebe Eltern!

Vorgestern erhielten wir euren lieben ausführlichen Brief aus Hirschberg, auf den wir schon recht sehnsüchtig gewartet hatten. Es freut uns sehr, daß es euch gut geht und in Hirschberg gefällt. Wir sind nun schon über 10 Tage hier in Heringsdorf. Unsern letzten Brief aus Berlin, worin ich euch das deutsche Turnfest in Leipzig schilderte, habt ihr hoffentlich erhalten; ihr schreibt aber nichts davon. Wir blieben in Berlin bei Tante Weiß die sehr vergnügt war, uns beherbergen zu können, 3 Tage, während welcher ich mehrere Bekannte aufsuchte und auch am Sonnabend 8. Aug. in der geographischen Gesellschaft Barths Gast war. Er las einen sehr interessanten Bericht des Herrn v. d. Decken vor über die Ersteigung eines alpinen Berges an der Ostküste Afrikas. Auch ein Nekrolog von Steudner, der in Afrika an den Folgen des Branntwein Stoffes gestorben ist, wurde von Prof. Koch vorgetragen. Es war recht hübsch. Ich sah Braun und mehrere andere alte Bekannte. Montag 10. 8. früh fuhren wir nach Stettin, wo wir die Zwischenpause von 11-3 Uhr bei Dohrns zubrachten und mit Prof. Gneist nebst Frau || sehr vergnügt zu Mittag aßen.

Era Gneist erkundigte sich auch nach dir, lieber Vater. Um 3 Uhr fuhren wirb mit dem kleinen Dampfschiff „Fortschritt“ (das damit abwechselnde Dampfboot heißt Irrungen ironischer Weise „Wilhelm“) von Stettin in 3 Stunden nach Ziegenort, wo wir den folgenden Tag in der Oberförsterei bei Petersens recht vergnügt verlebten. Die Gegend um Ziegenort ist gar nicht übel, eine holländische Nieder- Landschaft mit großen Wasserflächen, das Land dazwischen sandig mit großen Dünenhügeln die großentheils mit schönem Walde, gemischt aus Laub- und Nadelholz, bewachsen sind. Die Blicke auf das Haff mit seinen Dampf- und Segelschiffen, auf die Niederung mit den Wiesen und großen Dörfern, und auf die mannigfach bewaldeten Hügel und Sanddünen sind sehr hübsch. Am Vormittag 11. 8. Dienstag machte ich mit Schwager Bernhard eine mehrstündige Wanderung durch seine Forsten, in denen auch große Moorstellen sind. Nachmittag fuhren wir Beide mit Bernhard auf seinem Einspänner durch schönen Wald nach dem 1 Meile entfernten Horst, wo es sehr schöne alte Bäume giebt. Der Waldboden ist oft allein mit sehr großem Farrnkraut (Pteris) bedeckt. Die Oberförsterei im Dorfe ist sehr hübsch und die Stelle überhaupt sehr gut und reich dotirt. ||

Mittwoch 12. 8. fuhren wir Beide Mittags von Ziegenort mit dem Dampfschiff nach Swinemünde, begleitet von Bertha und ihren 3 Kindern nebst Dienstmädchen. Auf dem Dampfschiff trafen wir Schwager Carl, der 6 Tage in Heringsdorf blieb. Bertha bleibt so lange, als wir, hier. Sonntag 13. 8. war Schwiegermutters Geburtstag, wozu wir Nachmittags eine sehr hübsche Partie an den Wolgastsee nach Corswand machten. Das Wetter war dort sehr schön. Wir trafen dort mit Eduard und Minna Delius zusammen. Auch mehrere andere hübsche Parthieen haben wir seitdem an schönen Tagen gemacht, besonders nach Corswand und dem langen Berg, letztere an Heinrichs Geburtstag am 17, nach Corswand an der Feier unsers Hochzeitstags am 18. August. Letztere war sehr vergnügt. Wir waren dort mit Schlöttkes, Delius und Ohrtmanns aus Berlin zusammen. Eduard Delius (jetzt Oberzollinspektor in Swinemünde) und Katharina Ohrtmann (Annas Freundin) lernten sich dort kennen und haben sich vorgestern verlobt, worüber wir uns sehr gefreut haben. Auch viele andere Bekannte haben wir hier getroffen, Kieperts, Richter, Bertha Passow, Schlöttkes, auch Jacobis sind da (August und Helene mit beiden Kindern) wohnen aber nicht in „Wald und See“). ||

Ich lebe hier in recht hübscher Ferien- Muße. Vormittags und Abends arbeite ich in allgemeiner Zoologie und Paläontologie. Nachmittags wird meist ein Spaziergang gemacht oder Boccia gespielt. Am frühen Morgen bade ich meistens in der in der See. Das Zusammentreffen mit den vielen Bekannten und Verwandten macht die Unterhaltung sehr munter und mannichfaltig. Ich habe einen sehr angenehmen wissenschaftlichen Umgang an einem jungen (25 Jahr erst alten) Professor v. Seebach aus Göttingen (Palaeontologe). Wir wohnen in einer Dachstube des alten Hauses „Wald und See“. Daneben hat jetzt Schwiegermutter einen für Zwerge berechneten Anbau gemacht, in welchem alle anderen auf einem Raume von 21 Fuß Länge und 13 Fuß Breite eingepfercht sind, in nicht weniger als 7 verschiedenen Räumen, die alle nicht größer als die Kojen in Schiffskajüten sind. Bei heißem Sturm müssen diese Schwitzkästen schrecklich sein. Alles ist so eng und unbequem, daß man sich kaum darin umdrehen kann. Ich bin ganz froh über unsere Dachstube, wo man sich wenigstens frei bewegen und ich ordentlich arbeiten kann. Wir werden wohl bis zum 17. Septbr. hierbleiben.

Grüßt alle Freunde und Verwandten herzlichst.

Heinrich wird Euch Nähres von uns erzählen.

Euer treuer Ernst H.

a korr. aus: Um; b eingef.: wir;

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
24-08-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38436
ID
38436