Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Anna Sethe, Jena, 13. Dezember 1861

Jena 13.12.61.

Das wäre also wieder der letzte schriftliche Gruß, mein süßer Schatz, den ich Dir in diesem verhängnißvollen Jahre sende, und in 8 Tagen bin ich wieder selbst bei Dir, um das liebe Weihnachtsfest mit Dir zu feiern und das noch viel verhängnißvollere Jahr 1862 anzutreten. Wie ich mich diesmal auf Weihnachten freue, brauche ich Dir nicht erst zu sagen; Du brauchst bloß in Dein eignes liebes kleines Herz zu sehen, um zu wissen, wie unbändig sich meines schon wieder freut! Und was wirds da noch Alles zu besprechen und zu berathen geben! Handelts sich ja doch darum, daß Du liebes, liebes Herz den größten und wichtigsten Schritt nun bald thun sollst, der Dir Deine Freiheit raubt und Dich zur Sclavin eines gar schlimmen Herrn und Gebieters macht! Du armes Kind!! Ist Dir nicht ganz bange bei dem Gedanken? Schaffe Dir nur ja die „anstandsmä ß ige“ Ruhe und Würde an, um [ mit ] a der erforderlichen Gravität und dem nöthigen [ Ernst ] b Dich Deinem Ernste, dem Ernst Deines Lebens in die Arme zu werfen! ‒ ||

Was mi r jetzt immer Alles durch den Kopf geht, ist wirklich schlimm, und ich hoffe, daß Du nicht so zerstreut und geistesabwesend bist, wie Dein unnützer Erni, der deßhalb in der letzten Woche viel Neckereien hat aushalten müssen; ich glaube sogar, daß die Studenten im Colleg etwas davon empfunden haben! Im Gan zen war die Existenz der letzten Woche nicht grade sehr reizend, da die Anstrengungen der letzten Wochen vorher, die dann doch Alles vorher geleistete übertrafen, erst jetzt ihre schlimmen Nachwirkungen zu äußern scheinen. Summa summarum bin ich in den letzten Tagen so caput gewesen, daß wirklich Nichts Gescheutes mit mir anzufangen war, und daß auch die abendliche Arbeit nicht so, wie sonst, vorwärts ging. Der ganze Cadaver war so herunter, c der Kopf so wüst und schwer, daß ich mich selber tausendmal verwünschte und was darum gegeben hätte, wenn ich ein bischen bei Dir hätte ausruhen und neue Kräfte sammeln könnte.

Ein paar Abende habe ich vor der Arbeit ge s essen und so gut, wie Nichts zu Stande gebracht; seit vorgestern gehts sch on wieder besser und ich hoffe bald wieder ganz in Zug zu kommen. || Das Schlimmste, was mich am meisten geärgert und gekränkt hat, ist, daß nun doch, trotz aller möglichen Anstrengungen, das Buch nicht bis Weihnachten fertig geworden, und daß ich also doch noch einen leidigen Rest in das neue Jahr mit hinüberschleppe. In sofern kann ich mich allerdings trösten, als es für den weiteren Druck zunächst gleichgültig ist. Wann der eigentlich fertig werden soll, wird mir immer räthselhafter und wenn ich mir die Aussichten für den Sommer nach der jetzigen Sachlage zurecht lege, wird es mir immer wahrscheinlicher, daß wir erst d im Herbst das Ziel unserer Wünsche erreichen werden. Werde mir deßhalb nicht gram, liebster Schatz, und werde nicht so unartig und ärgerlich, wie Dein unnützer Erni, den diese Verzögerung so grämt, daß er lieber gar nicht die eitle Hoffnungsfreude vor ein paar Wochen genossen hätte. Indeß was hilft Alles Ärgern und Kränken! Pazienza, pazienza, vuol e molt o pazienza! Vielleicht ist es für uns beide heißblütige Naturen ganz gut, liebste s Her z, daß wir noch bis zuletzt ein bischen gequält und zahm gemacht werden! ||

Ich werde erst Sonntag, vielleicht sogar erst Montag Abend bei Dir sein, liebster Schatz, da ich jedenfalls erst noch den Abschnitt, an dem ich jetzt arbeite, fertig machen muß. Ich hatte gehofft, schon Sonnabend fahren zu können. Es ist dann aber die letzte Sitzung der physical isch medicin ischen Gesellschaft in diesem Jahre und ich darf da nicht fehlen, weil es gilt, mehrere Reformvorschläge, über die abgestimmt werden soll, durchzubringen; und da die „Reformers“ nicht grade in großer Majorität vorhanden sind, k ö mmt es auf einen Stimme allerdings viel an. Sonntag hoffe ich aber doch fahren zu können und finde dann gewiß Sonntag Abend ein gewisses liebes reizendes Mädchen vom Hafenplatz No 4 bei den Alten als „zufälligen Besuch“ vor. Ängstige Dich aber nicht, wenn ich erst Montag Abend kommen sollte. Jedenfalls bitte ich Dich, bei Georg Reimer bestellen zu lassen, daß e ich Sonntag hier abreise, damit sie mir dann f nicht mehr die Correctur herschicken. Vater kann das ja bestellen. ‒

An Karl bitte ich zu melden, daß ich schon am 3 oder 4 Januar wieder abreisen muß. Neujahr fällt auf einen Mittwoch und Montag darauf muß ich wieder anfangen zu lesen. Nun also noch einen letzten schriftlichen Gruß im J ahr e 1861, liebstes Herz, von Deinem müden, müden Erni, dem die Augen zufallen und die Finger, die schon 7 Stunden geschrieben haben, lahm werden. 2 Uhr ist fast wieder da und ich wünsche Dir einen so guten Schlaf, als ich hoffentlich heut haben werde.

Mit innigstem Gruß und Kuß Dein treuer Erni. Gruß an Mutter, die Alten etc. g

Es wäre wohl gut, wenn Karl möglichst bald nach dem Feste käme, da wir wohl sehr Vielerlei zu berathen und zu beschließen haben werden. h

a Papierausriss, Text sinngemäß gegänzt; b Papierausriss, Text sinngemäß ergänzt; c gestr.: daß, d gestr.: das; e die Correctur; f eingef.: dann; g weiter am Rand v . S. 4: Mit innigstem Gruß…die Alten etc.; h Text weiter am Rand v . S. 3: Es wäre wohl…beschließen haben werden.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
13-12-1861
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 38396
ID
38396