Haeckel, Ernst

An Anna Sethe, Merseburg, 27. Mai 1858

Hoffentlich hast Du meinen ersten Brief zum Pfingstsonntag ebenso richtig erhalten, mein liebes Herz, wie ich den Deinigen Tags zuvor. Ich wurde durch letzteren schon ein paar Stunden nach Aufgabe des ersteren erfreut und hätte diesem gern noch den besten Dank für die große Freude hinzugefügt, die Du mir dadurch gemacht. Was mir am Pfingstsonntag nach dieser Freude noch weiter begegnete, wird Dir nach meiner Zurückkunft der erste Bogen dieses zweiten Briefes sagen, den ich a heute nicht gern mitschicken möchte, weil einige recht dumme Gedanken darin sind. Ich fange daher lieber gleich mit dem zweiten Pfingstfeiertag an. Er begann, wie der erste, mit einem tüchtigen Landregen, der sich auch in stetem Zusammenhang bis zum Abend wieder fortsetzte. Ich ging schon früh zu Prof. Gegenbaur, um mit ihm alle Eingelegenheiten für die Zurüstungen zu unserer gemeinsamen Messina-Expedition ausführlich zu besprechen. Was für ein außerordentliches Glück es gerade jetzt für mich ist, an einem so ausgezeichneten Zoologen einen wohlwollenden Mentor zu treffen, und welche seltsame Fügung, daß er auch schon lange grade für nächsten Winter sein Auge auf Messina gerichtet hat, kannst Du kaum denken und mir selbst kommt die schöne Hoffnung oft noch nur wie ein Traum vor. Nachdem wir unsern Plan, so weit jetzt thunlich, verabredet, führte mich Gegenbaur in sein zoologisches Museum, welches zwar durch seine Bemühungen sehr nett eingerichtet, aber den außerordentlich kümmerlichen Mitteln der Universität entsprechend im Ganzen nur sehr dürftig ist. Diesen Mangel einer tüchtigen Sammlung und andrerseits der nicht minder fühlbare einer reichen Bibliothek sind die beiden größten, und allerdings sehr düstern Schattenseiten des sonst so reizenden und lockenden Jenenser Universitätslebens, in specie für den Professor der Zoologie. Die übrigen Verhältnisse sind dafür aber um so netter, und Du kannst denken, mein bester Schatz, mit welchen egoistischen Nebengedanken und hoffnungsreichen Träumen für uns Beide ich mir das Alles genau ansah. Am Nachmittag machte ich bei Seebecks meinen Abschiedsbesuch. Der treffliche Staatsrath war wieder zutiefst liebenswürdig und ich unterhielt mich noch einmal sehr lange mit ihm. Er entließ mich vielversprechend mit den Worten „Nun, wir werden uns gewiß im Leben noch öfter begegnen!“ Wie mir da das Herz hüpfte! O sollte wirklich einmal dieser schöne Traum in Erfüllung gehen und der Prof. der Zoologie E… seine kleine Herzens-Anna in der lieben Thüringer Universitätsstadt als würdige Frau Prof. einführen? Doch wie können sich meine Gedanken jetzt so kühn empor schwingen, wo ich ernstlich auf ganz andere Sachen sie richten sollte.

– Während ich bei Seebecks war, hatte Gegenbaur einen feierlichen Zeugenakt vollbracht. Er war als Ehrenzeuge b zu der Eröffnung der Wahl des alten Professors Kieser zum Nachfolger von Nees v. Esenbeck, als Präsident der Leopoldinisch-Karolinischen Akademie der Naturforscher, gewählt worden und erzählte mir sehr viel lustige Geschichten von dem bunten Hocus-pocus, mit dem dieser mittelalterliche Schwindel vor sich gegangen. Am Abend, als der Regen aufgehört, machten wir noch einen recht netten Spaziergang nach dem Dörfchen Lobda, im Saalthal nach Dornburg zu gelegen. Das frische, prächtige Frühlingsgrün, das nach dem reichen Regen in der üppigsten Fülle überall hervor sprießte, machte auch unser beider Herz so recht weit, offen und glücklich und wir sprachen uns recht herzlich über die verschiedensten Angelegenheiten aus. Je näher ich den trefflichen Gegenbaur kennen lerne, desto glücklicher schätze ich mich, jetzt in eine so nahe und dauernde Berührung mit ihm treten zu können, und ist es nicht wirklich eine sonderbare Fügung, daß grade jetzt, wo ich durch Müllers Verlust so schwer getroffen bin, einerseits ein so ausgezeichneter wissenschaftlicher Freund und Lehrer, andererseits eine solche Quelle reichsten Gemüthslebens, wie ich in Dir, mein bestes Herz, finde, zusammen kommen, um mir die schon fast aufgegebene Zukunft mit neuen schönen Hoffnungen zu schmücken. ||

Dienstag, 25/5, früh hatte ich eigentlich mit Gegenbaur nach Weimar herüberfahren sollen, um die Versammlung des Naturforscher-Vereins in Sachsen und Thüringen durch meine Gegenwart zu verherrlichen. Es war mir recht lieb, daß sich dies grade so mit meiner Jenenser Anwesenheit zusammentraf. Doch blieb ich Dienstag früh auf G.’s Wunsch noch in Jena und wir besprachen noch Vieles über die Reise. Sodann suchte ich den Schwiegersohn von Kieserc, Krukenberg, auf, einen alten Freund von Karl, der mir sehr zuredete, mich in Jena später einmal zu habilitiren. (Viel Zureden war allerdings überflüssig). Bei Schleiden war ich zweimal vergeblich. Dagegen traf ich Prof. Leubuscher, den ich am ersten Feiertag Abends bei Seebecks [kennen] gelernt, und er war so freundlich, selbst mich in seiner ganzen Klinik umherzuführen, und mir alle Einrichtungen derselben zu zeigen. Nachmittag hatten wir eine Parthie auf den schönen Hausberg verabredet. Allein leider fing es grade, als wir weggehen wollten, wieder energisch zu regnen an und ich entschloß mich daher rasch, einen so eben nach Weimar abgehenden Stellwagen zu benutzen. Der Weg ist größtentheils sehr einförmig und langweilig. Doch merkte ich dies kaum, da meine Gedanken aufs lebhafteste mit der kleinen Frau Professorin zu Jena (in spe!) beschäftigt waren. Nach der Ankunft in Weimar ging ich sogleich vom Hôtel (Adler) in die „Armbrust“, das große Local, wo die Festlichkeiten der Naturforscherversammlung stattfanden. Ich traf noch manche alte Freunde, namentlich Prof. Max Schultze und Oberlehrer Hetzer, Prof. Giebel aus Halle und machte viele neue Bekanntschaften, namentlich von dem Secretär des Vereins, Dr. Johannes Wislicenus, Chemiker, Sohn des bekannten Rationalisten – eine sehr liebenswürdige, offene, natürliche und dabei so freie und sinnige Persönlichkeit, daß ich mich sehr freute, hier näher mit ihm bekannt zu werden. Er würde Dir auch recht gefallen haben; ein kräftiger, schöner, großer Jüngling mit herrlichen dunklen Augen und langen schwarzen Locken. Ein anderer sehr lieber und tüchtiger Mann, den ich kennen lernte, war der Oberlehrer Richter aus Weimar (ebenfalls Chemiker und Physiker) in seiner derben Gradheit und Offenheit, seinem gemüthlichen zuvorkommenden Wesen eine ganz süddeutsche Natur, ein wahrer Athlet des Thüringer Waldes. Nicht minder gefiel mir sehr der Prof. der Physik aus Jena, d Schaefer, ein sehr muntrer und lebhafter kleiner Kerl, der sehr viel von Ägidi in seinem Wesen hat. Mit diesen und andern saßen wir noch spät bis in die Nacht zusammen, so daß ich nicht dazu kam, mit Dir, liebste Änni, noch ein trautes Abendstündchen zu verplaudern, wie ich so gern gethan hätte. Am andern Morgen

Mittwoch 26/5, wanderte ich schon bei Zeiten in der Stadt herum, um mir das kleine IlmAthen ordentlich anzusehen, namentlich die neuen Statuen von Wieland, Schiller, Goethe, die ältere von Herder, das Schiller Haus etc. Um 9 Uhr Morgens begann die zweite und letzte Sitzung der sächsisch-thüringischen Naturforscher-Versammlung und dauerte bis 2 Uhr. Von 9–12 Uhr wurden die speciellen wissenschaftlichen Fachvorträge gehalten – über Spitzmäuse (!), Sperlinge, Flechten der Jenenser Flora, Lettenformation in Thüringen, über die physikalische Atomenlehre, die Zuckersäuren etc, wobei Prof. Giebel, Heintz, Dr. Richter, Pastor Gansler etc als Redner auftraten. Dazwischen wurden die ausgestellten Sammlungen, Werke, einzelne naturwissenschaftliche Merkwürdigkeiten etc betrachtet, worunter zum Theil sehr interessante Sachen waren, namentlich eine schöne Flechtensammlung. || Den Beschluß machte ein ganz ausgezeichneter Vortrag des Prof. Schaefer aus Jena über Dampfmaschinen, der bis 2 Uhr dauerte. Dann begann das feierliche Zweckessen, ohne das nun einmal der Deutsche nichts thun kann, das aber diesmal wirklich sehr nett und gemüthlich war. Ich saß mit Hetzer, Giebel, Wislicenus, Taschenberg, Leidenfrost zusammen in einem sehr netten Cirkel. Der erste Toast wurde auf uns Gäste von dem ersten Schriftführer, Prof. Truetsch aus Weimar ausgebracht, der zweite auf das Bestehen der Gesellschaft von Prof. Giebel dem Präsidenten, e der dritte von mir auf die Präsidenten und sonstigen Komitémitglieder, die uns Gäste so freundlich aufgenommen. Dann fiel es dem Geschäftsführer Richter ein, mich als Vertreter der Metropole der Intelligenz, besonders leben zu lassen, worauf ich dann mit einem zweiten Toast auf „das vereinigte Sachsen und Thüringen als das Herz des hoffentlich bald wirklich einmal einigen Deutschlands“ antwortete, indem ich zugleich die für mich etwas unpassende Ehre, als Vertreter Berlins zu fungiren, möglichst abwies. So folgten noch viele einzelne Toaste, Sinnsprüche und Witze und die Unterhaltung war recht nett und lebhaft, dabei in ganz süddeutscher Weise offen und ungezwungen. Um 6 Uhr fuhren die meisten Hallenser ab. Ich machte mit Dr. Wislicenus und seinem Vetter (einem Maler, der 4 Jahr in Rom gewesen) einen sehr hübschen Spaziergang durch den Park nach dem Belvedere, eine ganz reizende Parthie, bei der nichts fehlte, als nur Du, mein lieber Schatz, um sie recht genußreich zu machen. Die Fülle und Pracht der verschiedensten blühenden und knospenden Bäume, die in größter Mannigfaltigkeit die schönsten Gruppen bilden, das prachtvolle Freudiggrün der schwellenden Wiesen, das durch den vielen Regenf ungemein lebhaften Glanz erhalten, die Farbenpracht der vielen schönen Blumen, dazu die sehr geschmackvolle Anordnung des Ganzen, die Abwechslung von Berg und Thal, gefielen mir so sehr, wie ich es mir kaum noch von einem andern Park zu erinnern wüßte. Und doch wurde ich durch alle diese Naturpracht, die mich sonst so sehr entzückte, im Ganzen nur mäßig erfreut, da das Gefühl, Dir, mein Herz, den Genuß nicht mittheilen zu können, mir die schönere Hälfte desselben raubte. Überall schwebte Dein lieber Schatten in den dunklen Laubengängen und die schöne Gartenbank kam mir recht frostig und langweilig vor, da ich so allein darauf saß. So hatte ich nur über einen Komplex von sehr gemischten Gefühlen für die Aufnahme dieser Schönheiten zu gebieten.

Den Abend brachte ich wieder mit den neu erworbenen Freunden zu, von denen ich erst spät Abschied nahm. Dann packte ich g Alles so ein, daß ich bei schönem Wetter allenfalls noch nach Eisenach hätte fahren können, wie ich ja anfangs vorhatte. Doch dauerte auch heute früh noch Donnerstag, der Regen in derselben Ausdauer fort, so daß ich mich rasch entschloß, sogleich zurückzureisen, um so lieber, als ich ja mehrere Tage eher wieder bei Dir zu sein hoffen konnte. Um 6 früh war ich bereits in Kösen, wo ich ausstieg, um von den lieben Stätten meiner botanischen Freuden, die ich früher so oft besuchte, auf lange Zeit, vielleicht für immer, Abschied zu nehmen. Ich sammelte einen sehr schönen Orchideenstrauß, der sich hoffentlich bis Sonntag frisch halten wird. Ich stieg zunächst in das Himmelreich hinein, das mir aber bei dem schneidenden Nordwestwinde und || kaltem Regengusse recht irdisch vorkam. Über Saaleck stieg ich dann noch die Rudelsburg hinauf, wo sich, innerhalb einer Stunde, das vorher so trostlose Wetter so herrlich aufklärte, daß ich noch den übrigen Tag hier zu verwandern beschloß. Zu Mittag war ich bereits auf dem Geiersberg drüben im Mordthale, und hier nahm sich das bunte, so mannichfach gemischte Grün der aus Buchen, Birken, Eichen, Fichten, Tannen zusammengesetzten, ausgedehnten Laubwälder ganz reizend aus. Sonst hätte ich tagelang in solchem herrlichen Frühlingswetter im grünen Walde liegen mögen. Heute aber hatte ich nicht Sinn und Geduld dazu. Ich „sah den Wald vor lauter – Anna nicht!“ und fuhr bereits um 4 Uhr nach Merseburg herüber, in der festen Hoffnung hier von meinem Schatz einen Brief zu finden. Leider ist dem aber nicht und wenn ich nicht hoffte morgen noch einen zu bekommen, so könnte ich fast fürchten, daß mein erster sei verloren worden. Sonnabend früh werde ich nach Halle gehen und also wahrscheinlich schon Sonnabend Abend – vielleicht auch erst Sonntag Abend – in Berlin eintreffen. Es ist sonderbar, welcher Magnet mich jetzt so mächtig nach diesem Orte hinzieht, von dem ich sonst oft möglichst lange fernblieb. Sic tempora mutantur! –

– Hast Du Dirs denn nun auch ruhig, kalt und vernünftig überlegt, was Du mit dem Ernst anfangen willst? Wenn ich nun zurückkomme, mußt Du mir das wohl erzählen – dann will ich Dir auch was erzählen! – Wie räthselhaft und unverständlich ich mir selbst aber jetzt oft vorkomme, kann ich Dir kaum sagen. –

Die beiden einliegenden Maiblümchen sind von meinem frühern Beete in Merkels Garten. Von Frau Merkel, bei der ich wohne, bin ich sehr herzlich aufgenommen worden. Von sonstigen Freunden sind nur noch Osterwalds und Karos hier. – Grüß die Eltern und Deine Geschwister herzlich.

– Nächste Woche muß ich übrigens energisch für Messina zu arbeiten anfangen und ich wünsche daß mein Verstand nicht ganz vor meinem Herzen davon läuft. Nun gut Nacht, mein Lieb. Nach dem dreistündigen Schlaf der vorigen Nacht (um 3½ Uhr war ich schon auf) sind meine Augen heut nicht mehr sehr zum Offenbleiben aufgelegt. Schlaf süß und noch einen Herzenskuß von

Deinem treuen Ernst.

Merseburg „auf der Hütte“. 27/5 58 11½ Uhr Nachts.

a gestr.: eben; b gestr.: bei; c gestr.: des Prof.; eingef.: von Kieser; d gestr.: Slo; e gestr.: ausgebracht; f eingef.: Regen; g gestr.: noch

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
27-05-1858
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 38340
ID
38340